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stiglitz267_BRYAN R. SMITHAFP via Getty Images_trumpstockmarket Bryan R. Smith/AFP via Getty Images

Die Wahrheit über die Trump-Wirtschaft

NEW YORK – Es drängt sich angesichts des Jahrestreffens der weltweiten Wirtschaftselite in Davos eine simple Frage auf: Hat sie ihre Affenliebe zu US-Präsident Donald Trump überwunden?

Vor zwei Jahren machten sich nur wenige Unternehmensführer Gedanken über den Klimawandel oder störten sich an Trumps Frauenfeindlichkeit und Bigotterie. Die meisten jubelten über seine Steuersenkungen für Milliardäre und Konzerne und freuten sich auf seine Bemühungen zur Deregulierung der Wirtschaft, die es den Unternehmen erlauben würden, die Luft noch stärker zu verschmutzen, noch mehr Amerikaner von Opioiden abhängig zu machen, noch mehr Kinder dazu anzuhalten, ihre Diabetes verursachenden Lebensmittel zu essen, und jener Art von Betrügereien nachzugehen, die die Krise von 2008 ausgelöst hatten.

Auch heute reden viele Konzernbosse noch immer über das fortgesetzte BIP-Wachstum und die Rekordstände bei den Aktienkursen. Doch sind weder BIP noch Dow Jones gute Messgrößen für die Wirtschaftsleistung. Beide sagen nichts über die Entwicklung des Lebensstandards der Normalbürger oder über die Nachhaltigkeit aus. Tatsächlich ist die Wirtschaftsentwicklung der vergangenen vier Jahre Beweisstück Nr. 1 der Anklage gegen den Verlass auf diese Kennzahlen.

Um einen guten Eindruck von der wirtschaftlichen Gesundheit eines Landes zu erhalten, sollte man bei der physischen Gesundheit seiner Bürger ansetzen. Wenn sie zufrieden und wohlhabend sind, sind sie gesünder und leben länger. Unter den entwickelten Ländern nehmen die USA in dieser Hinsicht einen Platz ganz unten ein. Die ohnehin schon niedrige Lebenserwartung im Lande ist in den ersten beiden Jahren von Trumps Präsidentschaft jeweils gesunken, und 2017 erreichte die Mortalität von Personen im mittleren Alter ihren höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Dies überrascht nicht, da kein Präsident mehr getan hat, damit mehr Amerikaner ohne Krankenversicherung dastehen. Millionen Menschen haben ihren Versicherungsschutz verloren, und der Anteil der Unversicherten ist in nur zwei Jahren von 10,9% auf 13,7% gestiegen.

Ein Grund für die sinkende Lebenserwartung in den USA sind „Tode aus Verzweiflung“ (so die Bezeichnung von Anne Case und dem Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton). Verursacht werden sie durch Alkohol, Drogenüberdosen und Suizide. In 2017 (dem aktuellsten Jahr, für das gute Daten vorliegen) lag die Zahl derartiger Todesfälle fast viermal so hoch wie 1999.

Mir ist eine derartige gesundheitliche Verschlechterung außerhalb von Kriegen oder Epidemien bisher erst einmal begegnet, und zwar während meiner Zeit als Chefökonom der Weltbank. Damals stellte ich fest, dass Mortalitäts- und Morbiditätsdaten bestätigten, was unsere wirtschaftlichen Kennzahlen über den düsteren Zustand der postsowjetischen russischen Wirtschaft nahelegten.

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Für die obersten 1% – und besonders für die obersten 0,1% – mag Trump ein guter Präsident sein. Doch für alle anderen ist er das nicht. Bei vollständiger Umsetzung wird die Steuersenkung von 2017 für die meisten Haushalte im zweiten, dritten und vierten Einkommensquintil zu Steuererhöhungen führen.

Angesichts von Steuersenkungen, von denen die Ultrareichen und die Konzerne überproportional profitieren, sollte niemand überrascht sein, dass es zwischen 2017 und 2018 (dem diesbezüglich aktuellsten Jahr mit guten Daten) keine wesentliche Veränderung beim Medianeinkommen der US-Haushalte gegeben hat. Auch der Löwenanteil der BIP-Zunahme geht an die da oben. Die medianen wöchentlichen Realeinkommen liegen nur 2,6% über ihrem Niveau bei Trumps Amtsantritt. Und die langen Phasen stagnierender Löhne werden durch diese Anstiege nicht ausgeglichen. So liegt etwa der Medianlohn vollzeitbeschäftigter männlicher Arbeiter (und wer vollzeitbeschäftigt ist, ist gut dran) nach wie vor über 3% unter dem Stand vor 40 Jahren. Auch gab es kaum Fortschritte beim Abbau von Unterschieden zwischen den verschiedenen Ethnien: Im dritten Quartal 2019 lag das wöchentliche Medianeinkommen vollzeitbeschäftigter schwarzer Männer bei unter drei Vierteln des Niveaus weißer Männer.

Was die Sache noch schlimmer macht: Das erzielte Wachstum war bisher ökologisch nicht nachhaltig und ist es heute noch weniger, weil die Trump-Regierung Regulierungsbestimmungen abgeschafft hat, die stringente Kosten-Nutzen-Analysen bestanden hatten. Die Verschmutzung der Luft und des Trinkwassers sowie die Auswirkungen des Klimawandels auf den Planeten nehmen zu. Tatsächlich haben die durch den Klimawandel bedingten Verluste in den USA, die größere Sachschäden erlitten haben als jedes andere Land, mit rund 1,5% vom BIP 2017 einen neuen Höchststand erreicht. 

Die Steuersenkungen sollten angeblich eine neue Investitionswelle auslösen. Stattdessen führten sie zu Aktienrückkäufen in nie dagewesener Höhe (etwa 800 Milliarden Dollar in 2018) durch einige von Amerikas profitabelsten Unternehmen sowie zu Rekorddefiziten für Friedenszeiten (fast eine Billion Dollar im Haushaltsjahr 2019) – und das in einem Land, in dem angeblich nahezu Vollbeschäftigung herrscht. Und trotz schwacher Investitionen mussten sich die USA massiv im Ausland verschulden: Die jüngsten Daten zeigen Auslandskredite von fast 500 Milliarden pro Jahr, und die US-Nettoverschuldung ist in nur einem Jahr um mehr als 10% gestiegen.

Genauso haben Trumps Handelskriege trotz all ihres Getöses das US-Handelsdefizit nicht verringert. Es lag 2018 um ein Viertel höher als 2016. Das Defizit beim Warenhandel war 2018 das größte seit Beginn der Aufzeichnungen. Selbst das Handelsdefizit gegenüber China lang fast ein Viertel höher als 2016. Und während die USA ein neues nordamerikanisches Handelsabkommen erreicht haben, enthielt dieses weder die vom Business Roundtable gewünschten Investitionsvereinbarungen noch die von der Pharmaindustrie angestrebten Bestimmungen über Preiserhöhungen für Medikamente, dafür aber bessere Arbeits- und Umweltbestimmungen. Trump, der selbsterklärte Verhandlungskünstler, hat bei seinen Verhandlungen mit den Demokraten im Kongress in fast allen Punkten nachgeben müssen, was zu einem leicht verbesserten Handelsübereinkommen führte.

Und trotz Trumps großer Versprechungen, Industriearbeitsplätze in die USA zurückzuholen, hat die Beschäftigung in der produzierenden Industrie weniger stark zugenommen als sie das ab Beginn der an die Krise von 2008 anschließenden Erholung unter seinem Vorgänger Barack Obama taten, und sie liegt noch immer deutlich unter dem Niveau vor der Krise. Selbst die Arbeitslosenquote, die auf ihrem tiefsten Stand seit 50 Jahren liegt, verbirgt wirtschaftliche Schwächen. Die Beschäftigungsquote für Männer und Frauen im Erwerbsalter ist zwar gestiegen, aber nicht so stark wie während der Erholung unter Obama, und sie liegt noch immer deutlich unter der anderer entwickelter Länder. Das Tempo, mit dem neue Arbeitsplätze geschaffen werden, ist ebenfalls deutlich langsamer als unter Obama.

Um es noch einmal zu sagen: Diese niedrige Beschäftigungsquote ist keine Überraschung, nicht zuletzt, weil Kranke nicht arbeiten können. Zudem werden Personen, die eine Behindertenrente erhalten, Gefängnisinsassen – und die Inhaftierungsrate in den USA hat sich seit 1970 versechsfacht, sodass derzeit rund zwei Millionen Menschen hinter Gittern sitzen – oder Menschen, die so mutlos sind, dass sie sich nicht aktiv um Arbeit bemühen, nicht als „arbeitslos“ gezählt, obwohl sie natürlich unbeschäftigt sind. Ebenso wenig überrascht, dass in einem Land, das weder eine bezahlbare Kinderversorgung bietet noch Elternzeit garantiert, weniger Frauen beschäftigt sind als in anderen entwickelten Ländern (in Relation zur Einwohnerzahl über zehn Prozentpunkte weniger).

Selbst gemessen am BIP wird die Trump-Wirtschaft den Ansprüchen nicht gerecht. Das Wachstum betrug im letzten Quartal lediglich 2,1%, deutlich weniger als die von Trump versprochenen 4%, 5% oder gar 6% und sogar weniger als die durchschnittlich 2,4% während Obamas zweiter Amtszeit. In Anbetracht der vom eine Billion Dollar schweren Haushaltsdefizit und ultraniedrigen Zinsen ausgehenden Konjunkturimpulse ist das eine bemerkenswert schlechte Entwicklung. Und das ist weder Zufall noch einfach Pech: Trumps Markenzeichen sind Unsicherheit, Volatilität und Tatsachenverdrehung, während für Wachstum Vertrauen, Stabilität und Zuversicht sowie (laut Internationalem Währungsfonds) Gleichheit unverzichtbar sind.

Trump verdient also nicht nur bei so wichtigen Aufgaben wie der Bewahrung der Demokratie und dem Erhalt unseres Planeten eine Sechs. Auch im Fach Wirtschaft sollte er ein „Nicht bestanden“ erhalten.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/5Wv5EPmde;
  1. solana114_FADEL SENNAAFP via Getty Images_libyaprotestflag Fadel Senna/AFP via Getty Images

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