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Eine umweltfreundlichere Ausrichtung des digitalen Finanzwesens

PEKING – Das digitale Finanzwesen hat sich als unerwartet revolutionär erwiesen, und zwar einfach, indem es eine preiswerte Teilhabe an der Finanzwelt ermöglicht. Dank neuer Finanztechnologien („Fintech“) können Verbraucher nahtlos einkaufen, Migranten können ihr schwer verdientes Geld preiswert an ihre Familien schicken, Kleinunternehmen können innerhalb von Minuten durch Big-Data-Profilierung auf Kredite zugreifen, und Sparer können ihr Investitionsschicksal selbst gestalten. Doch wenn die Fintech ihr Potenzial zur Förderung des globalen Gemeinwohls ausschöpfen soll, muss noch ein weiterer Faktor Berücksichtigung finden: die Umwelt.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hat kürzlich einen Bericht mit dem Titel „Fintech and Sustainable Development: Assessing the Implications“ veröffentlicht, in dem untersucht wird, wie sich das digitale Finanzwesen zugunsten der Umwelt nutzen lässt. Der Bericht zeigt auf, dass die Fintech bereits dabei ist, durch Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen einen grünen Finanzsektor zu schaffen, der es ärmeren Menschen ermöglicht, mittels innovativer Zahlungssysteme auf saubere Energie zuzugreifen, und es Arm und Reich erleichtert, ihr Geld umweltfreundlich anzulegen.

Das schwedische Start-up-Unternehmen Trine etwa versetzt Sparer in der Stockholmer Innenstadt in die Lage, verteilte Solarsysteme in ländlichen Gegenden tausende von Kilometern entfernt zu finanzieren. Kenias M-KOPA nutzt die enorm erfolgreiche mobile einheimische Zahlungsplattform M-PESA, um ärmeren Gemeinwesen saubere Energie zur Verfügung zu stellen. Andere Experimente stellen das umweltfreundliche Potenzial von Blockchain und Kryptowährungen heraus.

Der Nutzen derartiger Initiativen könnte beträchtlich sein – für Haushalte, Finanzdienstleister, Volkswirtschaften und die Umwelt. Vor diesem Hintergrund wurde auf der diesjährigen Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos (Schweiz) ein Bündnis digitaler Finanzunternehmen, die Green Digital Finance Alliance, gegründet.

Eines der Grundmitglieder des Bündnisses, ANT Financial Services, betreibt eine mobile Zahlungsplattform mit 450 Millionen Nutzern in China allein. Das Unternehmen arbeitet inzwischen mit UNEP zusammen, um eine experimentelle „Green Energy App“ anzubieten, die Nutzer für eine Verringerung ihrer Kohlenstoffbilanz belohnt.

Die Fintech ist Bestandteil einer umfassenderen digitalen Revolution, die außerdem Big Data, das Internet der Dinge, Blockchain und künstliche Intelligenz umfasst. Diese Technologien versetzen uns in die Lage, den Lebenszyklus von Produkten – und sogar von Geld selbst – zu erfassen und nachzuverfolgen und so präzise zu ermitteln, wie sie verwendet wurden, wie sie finanziert wurden und welche Auswirkungen sie auf die Umwelt hatten. ANTs neue Green Energy App rechnet dabei die Daten von Finanztransaktionen in damit verbundene CO2-Emissionen um. Dieser Ansatz könnte, wenn er auf weitere Zahlungsplattformen ausgeweitet würde, hunderte von Millionen Menschen dazu bringen, CO2-Einsparungen bei ihren Lebensstilentscheidungen zu berücksichtigen.

Alle Revolutionen haben unbeabsichtigte Kosten und sind anfällig für Kurswechsel, wenn nicht gar unverblümte Korruption. Die Fintech-Revolution macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Der Verlust der Privatsphäre ist das offensichtlichste Risiko; tatsächlich ist er trotz aller Bemühungen, Schutzmechanismen zu schaffen, praktisch unvermeidlich. Doch es gibt auch weniger offensichtliche Risiken, die sich aus der Destabilisierung bestehender Märkte ergeben. Wie der Journalist und Autor Michael Lewis in seinem Bestseller Flash Boys herausgestellt hat, sind die vom Hochfrequenzhandel ausgehenden Risiken für die finanziellen Erträge unserer schwerfälligen, aus dem 20. Jahrhundert stammenden Rentenkassen weitreichender Art.

Ein weiteres Opfer wird die Regulierung sein – zumindest für eine Weile, während die Politik sich müht, herauszufinden, wie sich ein zunehmend komplexeres, dynamischeres virtuelles Finanzsystem steuern lässt. Es besteht zudem das Risiko, dass durch Geschwindigkeit und Big Data bedingte Kommerzialisierungseffekte die Bedingungen für eine nachhaltige Entwicklung untergraben.

Auch wenn sich diese Risiken nicht ausräumen lassen, kann man sie abmildern. Insbesondere die Regulierungsbehörden werden schnell arbeiten müssen, um nach Kräften mit dem sich rapide wandelnden Finanzmilieu Schritt zu halten. Doch sollte ihr Ziel nicht bloß im Schutz vor den von der Fintech ausgehenden Risiken bestehen; sie sollten zugleich darauf hinarbeiten, diese Technologien so zu lenken, dass sie ihr volles Potenzial verwirklichen können. So sollte die Fintech etwa auf die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung abgestimmt werden – ein Bemühen, das neue Standards, Marktinnovationen und Formen der Zusammenarbeit erfordert.

Länder weltweit sollten das digitale Finanzwesen in ihre Pläne zur Finanzierung einer nachhaltigen Entwicklung einbeziehen. Bündnisse wie die Green Digital Finance Alliance können diese Bemühungen unterstützen, indem sie die Finanzinstitute und ihre Stakeholder zu kollektivem Handeln mobilisieren.

Multilaterale Maßnahmen sind ebenfalls wichtig. In diesem Jahr wird sich die G20 unter Führung Deutschlands darauf konzentrieren, die Widerstandsfähigkeit gegen Klimaveränderungen auszubauen, die Nachhaltigkeit zu verbessern und die Verantwortung für den Klimawandel zu übernehmen – alles Bereiche, wo die Digitalisierung Teil der Lösung sein muss. Genauso wird die G7 unter Führung Italiens erkunden, wie sich unter Verwendung von durch die Fintech angetriebenen Innovationen umweltfreundliche KMUs finanzieren lassen.

Mit dem richtigen Ansatz lässt sich die Fintech nutzen, um Volkswirtschaften und Gesellschaften zu stärken und zugleich zum Schutz der Umwelt beizutragen. Glücklicherweise könnte dies das Jahr sein, in dem das umweltfreundliche digitale Finanzwesen erwachsen wird.

Aus dem Englischen von Jan Doolan