gigerenzer1_MARK RALSTONAFP via Getty Images_usshoppingcoronavirus Mark Ralston/AFP via Getty Images

Was uns nicht tötet, macht uns Angst

BERLIN – Niemand weiß, wo und wie schnell sich ein neues Virus ausbreitet. Wir können die Risiken nicht zuverlässig berechnen, und nur rückblickend können wir wissen, ob wir überreagiert oder zu wenig getan haben. Angesichts dieser Unsicherheit ist die Art, wie wir auf den Ausbruch eines Virus reagieren, ebenso so wichtig wie die Natur des Pathogens selbst. Und was wir gegen das Coronavirus COVID-19 tun, muss die Lektionen berücksichtigen, die wir bei früheren Virusepidemien gelernt haben.

Ob das aber geschieht, ist die Frage: Die Schweinegrippe von 2009 hat Hunderttausende Opfer gefordert – die meisten davon in Afrika und Südostasien. Aber in Europa, wo die Gefahr relativ gering war, haben die Medien die Anzahl der Toten und der vermuteten Fälle täglich aktualisiert. Und in Großbritannien prophezeihte die Regierung, an der Krankheit würden bis zu 65.000 Bürger sterben. Am Ende waren es dann weniger als 500.

Wie vorauszusehen war, lösten diese täglichen Berechnungen Ängste aus und verleiteten die Politiker zu überstürzten, unangemessenen Entscheidungen – wie der Bevorratung von Medikamenten – ohne dass sie vorher die Fakten geprüft hätten. Alle Augen waren auf das neue, unbekannte Virus gerichtet, und nicht darauf, Menschen vor tödlicheren Bedrohungen wie der saisonalen Influenza zu schützen, die 2009 ungleich mehr Menschen getötet hat als die Schweinegrippe. Und dies tut sie immer noch – und würden uns die Medien mit stündlichen Aktualisierungen der grippebedingten Todesfälle bombardieren, wäre das auch klar.

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