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Was uns nicht tötet, macht uns Angst

BERLIN – Niemand weiß, wo und wie schnell sich ein neues Virus ausbreitet. Wir können die Risiken nicht zuverlässig berechnen, und nur rückblickend können wir wissen, ob wir überreagiert oder zu wenig getan haben. Angesichts dieser Unsicherheit ist die Art, wie wir auf den Ausbruch eines Virus reagieren, ebenso so wichtig wie die Natur des Pathogens selbst. Und was wir gegen das Coronavirus COVID-19 tun, muss die Lektionen berücksichtigen, die wir bei früheren Virusepidemien gelernt haben.

Ob das aber geschieht, ist die Frage: Die Schweinegrippe von 2009 hat Hunderttausende Opfer gefordert – die meisten davon in Afrika und Südostasien. Aber in Europa, wo die Gefahr relativ gering war, haben die Medien die Anzahl der Toten und der vermuteten Fälle täglich aktualisiert. Und in Großbritannien prophezeihte die Regierung, an der Krankheit würden bis zu 65.000 Bürger sterben. Am Ende waren es dann weniger als 500.

Wie vorauszusehen war, lösten diese täglichen Berechnungen Ängste aus und verleiteten die Politiker zu überstürzten, unangemessenen Entscheidungen – wie der Bevorratung von Medikamenten – ohne dass sie vorher die Fakten geprüft hätten. Alle Augen waren auf das neue, unbekannte Virus gerichtet, und nicht darauf, Menschen vor tödlicheren Bedrohungen wie der saisonalen Influenza zu schützen, die 2009 ungleich mehr Menschen getötet hat als die Schweinegrippe. Und dies tut sie immer noch – und würden uns die Medien mit stündlichen Aktualisierungen der grippebedingten Todesfälle bombardieren, wäre das auch klar.

Ebenso sterben jedes Jahr, insbesondere in den Entwicklungsländern, Millionen von Menschen an Malaria und Tuberkulose. Und allein in den Vereinigten Staaten fallen jährlich 99.000 Patienten Infektionen zum Opfer, die sie sich im Krankenhaus zugezogen haben. Aber diese unglücklichen Menschen bekommen so gut wie keine Aufmerksamkeit.

Warum haben wir mehr Angst vor dem, was uns mit geringerer Wahrscheinlichkeit umbringt?

Das psychologische Prinzip, aufgrund dessen wir die Schweinegrippe oder COVID-19 mehr fürchten als die normale Grippe, nennt sich „Angst vor gefürchteten Gefahren“ (fear of dread risks). Es ist leicht, Angst vor Situationen auszulösen, in denen viele Menschen in einem kurzen Zeitraum sterben, wie vor Flugzeugunglücken oder Epidemien. Sterben aber genau so viele Menschen über einen längeren Zeitraum – wie bei Autounfällen oder an der saisonalen Grippe – ist es schwierig, die Öffentlichkeit dazu zu bewegen, Sicherheitsgurte zu tragen oder sich impfen zu lassen.

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Nehmen wir als Beispiel das „Virus“ der Jahrtausendwende schlechthin: den Terrorismus. Nach den traumatischen Ereignissen des 11. September 2001 hörten viele Amerikaner auf zu fliegen und nahmen statt dessen das Auto. So verloren in den zwölf Monaten nach dem Anschlag schätzungsweise 1.500 zusätzliche Menschen ihr Leben auf der Straße, weil sie versuchten, den Gefahren des Fliegens auszuweichen – viel mehr als die Gesamtzahl der Passagiere, die in den vier betroffenen Flugzeugen starben.

Terroristen schlagen zunächst mit physischer Gewalt zu, was all unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Ihr zweiter Schlag findet dann aber mithilfe unserer Gehirne statt – unserer Angst vor gefürchteten Gefahren, die uns aus der Bratpfanne ins Feuer springen lässt. Dieser zweite Schlag kann teuer werden: Innerhalb von zwei Jahren nach den Angriffen vom 11. September verlor die US-Wirtschaft über 100 Milliarden Dollar aufgrund von Reiseverweigerung, Betriebsausfällen und der Stornierung von Veranstaltungen. In dieser Zeit gab die Regierung dort eine halbe Billion Dollar für Sicherheitsmaßnahmen aus, und die amerikanische Bevölkerung ließ sich nur zu gern durch mehr staatliche Überwachung beruhigen. Aber ein heutiger Amerikaner wird mit größerer Wahrscheinlichkeit von einem Kind erschossen als von einem islamistischen Terroristen in die Luft gejagt.

Es sind nicht nur die Terroristen, vor denen wir unverhältnismäßig viel Angst haben. 2009 ordnete die ägyptische Regierung an, alle Schweine im Land zu schlachten, obwohl dort noch gar keine Fälle von Schweinegrippe bekannt waren. Die Regierung hat einfach die Angst vor den gefürchteten Gefahren dazu genutzt, die kleine christliche Minderheit Ägyptens zu diskriminieren.

Heute bezahlen die asiatischen Minderheiten in den USA und Europa den Preis für COVID-19: Bürger asiatischer Herkunft werden mit Misstrauen betrachtet, und chinesische Restaurants von Berlin bis San Francisco vermelden aufgrund nachlassender Besucherzahlen Geschäftseinbußen von 50% oder mehr. Und natürlich profitieren die Medien davon, dass sie die Alarmglocken läuten und wir an ihren Seiten, Plattformen, Programmen und Podcasts kleben.

Glücklicherweise ist die übertriebene Angst vor Dingen, die uns wahrscheinlich nicht töten, in unseren Gehirnen nicht fest verdrahtet. Deshalb ist Risikokompetenz so wichtig: Wir müssen die Mathematik der Unsicherheit lernen, also statistisches Denken. Genau wie die Fähigkeit zum Lesen den Menschen ermöglicht, Texte zu verstehen, ermöglicht uns das statistische Denken, die Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, zu verstehen und mit ihnen umzugehen.

Ein Teil der Risikokompetenz besteht darin zu lernen, warum wir Angst vor dem haben, wovor wir Angst haben. In der Tat gehen ein Verständnis für Unsicherheit und ein Verständnis für Psychologie Hand in Hand. Dies kann dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit die richtigen Fragen stellt – und Politiker die richtigen Entscheidungen treffen.

Beispielsweise haben viele Regierungen beim Ausbruch der Schweinegrippe den Rat der Weltgesundheitsorganisation befolgt, Tamiflu zu horten – ein Medikament, das als Schutz gegen die schweren Folgen der Grippe vermarktet wurde. Aber viele beratende Experten der WHO hatten finanzielle Verbindungen zu Pharmaunternehmen, und es gibt immer noch keinen Beweis dafür, dass Tamiflu effektiv ist. Für dieses Medikament verschwendeten die USA über eine Milliarde Dollar und Großbritannien etwa 500.000 Euro – Geld, das statt dessen in die Verbesserung der Gesundheitssysteme hätte investiert werden können.

Sogar wenn sie mehr Risikokompetenz haben, brauchen die meisten Politiker erheblichen Mut, um nicht aus Angst zu handeln, sondern aufgrund gesicherter Erkenntnisse. Aber genau diese Art von Politikern brauchen wir und können wir auch respektieren.

Globale Risikokompetenz würde uns allen die Chance geben, Situationen wie der COVID-19-Epidemie mit einem kühleren Kopf zu begegnen. Der neuartige Virus dieses Jahres wird nicht der letzte sein. Und als erster Schritt gegen zukünftige Ausbrüche müssen wir lernen, mit Unsicherheit zu leben, anstatt uns von ihr in Geiselhaft nehmen zu lassen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

https://prosyn.org/Lb5UTJ2de