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Wir brauchen höhere Mindestlöhne

LONDON – Wenn alles andere nicht mehr funktioniert, muss man das Undenkbare versuchen. Vor allem in wirtschaftlich guten Zeiten. Und vielleicht ist dies genau das, was wir heute brauchen: Die Regierungen vieler westlicher Länder – darunter sicherlich die Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland, vielleicht Großbritannien und bald auch ein Großteil der restlichen Eurozone – sollten sich aktiv an den Lohn- und Gehaltsverhandlungen beteiligen, insbesondere für die Geringverdiener.

Japan kämpft seit fünfzehn Jahren mit schwachem Wachstum, stagnierender Haushaltsnachfrage (besonders unter ärmeren Familien), steigender Ungleichheit und Armut. Ähnlich geht es inzwischen den USA. Dies trug entscheidend dazu bei, dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde – von der großen Bevölkerungsgruppe, die er völlig zu Recht die „vergessenen Amerikaner“ genannt hat. Und diese Gründe sind es auch, warum die britischen „Zurückgelassenen“ für den Brexit gestimmt haben.

Ohne erhebliche Lohnerhöhungen – insbesondere der vorgeschriebenen Mindestlöhne – wird in den meisten westlichen Volkswirtschaften der Populismus weiter an Auftrieb gewinnen und das Wachstum am Boden bleiben. Und auch die Ungleichheit wird weiter wachsen – nicht nur bei Einkommen und Wohlstand, sondern auch beim politischen Mitspracherecht. Und die Versuchung, kurzsichtige Lösungen – wie die Schließung von Grenzen und die Einführung protektionistischer Maßnahmen – zu verfolgen, wird immer größer werden.

Auf meinen Vorschlag, die Regierungen sollten eingreifen, damit gering qualifizierte Arbeit besser bezahlt wird, werden manche tief durchatmen und einstimmig verkünden, ich müsse verrückt sein. Ob ich denn nicht wüsste, dass höhere Mindestlöhne zu Arbeitslosigkeit führen können? Ob ich nicht gehört habe, dass der „Aufstieg der Roboter“ und, allgemeiner betrachtet, die zunehmende Automatisierung, Arbeitsplätze vernichtet? Ob ich denn nicht an Marktlösungen glaube?