3

Der Krieg gegen die Bildung

LONDON – Die Entführung von mehr als 200 Schülerinnen in Nord-Nigeria durch die islamistische Terrorgruppe Boko Haram ist mehr als verabscheuenswürdig. Doch ist sie leider nur der aktuellste Schlag in einem grausamen, gegen das Grundrecht aller Kinder auf Bildung geführten Krieg. Und wie ähnlich grauenvolle Vorfälle in Pakistan, Afghanistan und Somalia belegen, ist dies ein globaler Krieg.

Weltweit gab es in den letzten vier Jahren laut einem Bericht der Global Coalition to Protect Education from Attack 10.000 gewalttätige Angriffe auf Schulen und Universitäten. Die Belege sind gleichermaßen umfassend wie erschütternd und reichen von den 29 in diesem Frühjahr von mutmaßlichen Boko-Haram-Kämpfern getöteten Schüler im nigerianischen Bundesstaat Yobe und den somalischen Schülern, die zu einem Dasein als Kindersoldaten gezwungen werden, bis hin zu von ethnischen burmesischen, buddhistischen Nationalisten in Myanmar angegriffenen muslimischen Jungen und Schülerinnen in Afghanistan und Pakistan, die Opfer von Schüssen, Gift oder Brandanschlägen der Taliban wurden, weil sie gewagt hatten, eine Schulbildung anzustreben.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Dies sind keine isolierten Beispiele von Kindern, die irgendwo zwischen die Fronten gerieten; dies ist, was passiert, wenn Schulen zum bewussten Ziel von Terroristen werden, die Bildung als Bedrohung betrachten. (Tatsächlich ist die wörtliche Übersetzung von Boko Haram eine Äußerung des Verbots „falscher“ oder „westlicher“ Bildung). In mindestens 30 Ländern gibt es ein Muster gezielter Angriffe durch bewaffnete Gruppen; am schlimmsten betroffen sind Afghanistan, Kolumbien, Pakistan, Somalia, der Sudan und Syrien.

Die Angriffe zeigen mit erschreckender Klarheit, dass es bei der Schulbildung nicht nur um Kreidetafeln, Bücher und Lehrpläne geht. Schulen überall auf der Welt – von Nordamerika bis hin nach Nord-Nigeria – brauchen inzwischen Sicherheitspläne, um den Schutz ihrer Schüler zu gewährleisten und Eltern und Gemeinwesen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln.

Auf dem World Economic Forum in der nigerianischen Hauptstadt Abuja habe ich gemeinsam mit Partnern aus der Geschäftswelt und der Zivilgesellschaft in dieser Woche ein Programm lanciert, um die persönliche Sicherheit von Kindern in Gebieten zu gewährleisten, wo diese Bedrohungen real und konkret sind. Die „Safe Schools Initiative“ vereint schul- und gemeinschaftsgestützte Pläne mit speziellen Maßnahmen zum Schutz von Kindern, die rund 5000 Grund- und weiterführende Schulen in besonders gefährdeten Gebieten besuchen.

Für die einzelnen Schulen umfassen die Maßnahmen die Verbesserung der Sicherheitsinfrastruktur, -planung und -reaktion, die Schulung von Mitarbeitern und die Beratung von Schülern und Mitgliedern der örtlichen Gemeinschaften. Auf kommunaler Ebene werden aus Eltern, Lehrern und Freiwilligen bestehende Bildungsausschüsse sowie speziell entwickelte Gruppen zur Verteidigung von Lehrern, Schülern und Eltern gebildet, um rasch auf Bedrohungen reagieren zu können.

Die Erfahrungen aus anderen Ländern bei der Bekämpfung ähnlicher Bedrohungen haben gezeigt, dass es von entscheidender Bedeutung ist, religiöse Führer formell bei der Förderung und dem Schutz der Bildung einzubinden. In Afghanistan nutzen angesehene Imame – in Zusammenarbeit mit örtlichen Schuras und Schutzausschüssen – gelegentlich ihre Freitagsgebete, um das Bewusstsein für die Bedeutung der Bildung im Islam zu steigern.

In Peshawar (Pakistan) haben sich im Rahmen eines von UNICEF unterstützten Programms prominente muslimische Führungspersönlichkeiten die Bedeutung der Bildung dargelegt und betont, wie wichtig es sei, die Kinder in die Schulen zurückzuschicken. In Somalia unternehmen religiöse Führer in staatlich kontrollierten Gegenden Aufrufe im öffentlichen Rundfunk und besuchen Schulen, um sich gegen die Rekrutierung von Kindersoldaten einzusetzen.

In Länder wie Nepal und den Philippinen haben Verhandlungen auf kommunaler Ebene dazu beigetragen, die Sicherheit an den Schulen zu verbessern und die Politik aus den Klassenzimmern zu verbannen. In einigen Gemeinwesen sind unterschiedliche politische und ethnische Gruppen zusammengekommen und haben vereinbart, „sichere Schulbereiche“ zu entwickeln. Sie haben Verhaltensregeln aufgestellt und unterschrieben, die festlegen, was auf dem Schulgelände gestattet ist und was nicht, um Gewalt, Schulschließungen und die Politisierung der Bildung zu verhindern. Im Allgemeinen haben sich die unterzeichnenden Parteien an ihre Zusagen gehalten, was den Gemeinwesen geholfen hat, Schulen offen zu halten, die Sicherheit der Kinder zu erhöhen und die Schulverwaltung zu stärken.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Noch immer bleibt Millionen von Kindern überall auf der Welt der Schulbesuch verwehrt. Dies ist nicht nur eine moralische Krise; es ist zugleich eine verpasste wirtschaftliche Chance. In Afrika etwa ist die Bildung besonders wichtig, da die dortigen Volkswirtschaften zunehmend den Schritt von der Rohstoffförderung zu wissensgestützten Industrien tun. Ein sicheres Lernumfeld ist der grundlegendste und dringendste erste Schritt, um die globale Bildungskrise zu lösen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan