Gottlose Moral

Ist Religion eine Voraussetzung für Moral? Viele Menschen betrachten es als ungeheuerlich, ja, sogar als gotteslästerlich, den göttlichen Ursprung der Moral zu leugnen. Ihrer Ansicht nach schuf entweder ein göttliches Wesen unser moralisches Empfinden, oder wir eigneten uns dies über die Lehren organisierter Religion an. In jedem Fall aber bräuchten wir die Religion, um der Lasterhaftigkeit der Natur Zügel anzulegen. In Anlehnung an Katherine Hepburn in dem Spielfilm African Queen könnte man es so formulieren: Die Religion ermöglicht es uns, uns über die die gottlose alte Mutter Natur zu erheben, indem sie uns einen moralischen Kompass reicht.

Freilich ist die Ansicht, dass die Moral von Gott kommt, mit einer Menge von Problemen behaftet. Ein Problem ist, dass wir – ohne in eine Tautologie zu verfallen – nicht gleichzeitig erklären können, dass Gott gut sei und dass er uns unser Empfinden von Gut und Böse gegeben habe. Denn in diesem Fall würden wir lediglich sagen, dass Gott seine eigenen Standards einhält.

Ein zweites Problem ist, dass es keine moralischen Prinzipien gibt, die von allen religiösen Menschen unabhängig von ihrem jeweiligen Glauben, nicht jedoch von Atheisten und Agnostikern geteilt werden. Tatsächlich handeln Atheisten und Agnostiker nicht weniger moralisch als religiöse Menschen, selbst wenn tugendhaftes Handeln in ihrem Fall auf anderen Prinzipien beruht. Nichtgläubige haben häufig ein kein bisschen weniger ausgeprägtes und solides Gespür für Gut und Böse als andere Menschen; sie haben sich für die Abschaffung der Sklaverei engagiert und zu anderen Anstrengungen zur Linderung menschlichen Leids beigetragen.

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