9

Gefahren durch Fehletikettierung von Risiken

STANFORD – Eine wachsende Zahl angeblich gesundheitsbewusster Verbraucher wählt Produkte mit „Frei von“-Etiketten, von „BPA-freien“ Kunststoffen bis hin zu „gentechnikfreien“ Lebensmitteln. Dabei erhöhen derartige Etiketten die öffentliche Sicherheit nicht – im Gegenteil: Nicht nur sind viele der gefährlich klingenden Zutaten absolut sicher, sondern die Hersteller ersetzen sie in ihrer Hast, die Forderungen der Verbraucher zu erfüllen, manchmal mit weniger guten – oder sogar schädlichen – Zutaten oder Prozessen.

Die Schuld für diese Situation liegt überwiegend bei Aktivisten und Nachrichtenmedien, die diese ungerechtfertigten öffentlichen Ängste schüren. Doch eine aktuelle wissenschaftliche Studie zeigt, wie die Hersteller – indem sie die Aufmerksamkeit darauf lenken, was sie bei einem Produkt weglassen – unbegründete Sorgen pflegen, die die Verbraucher dazu treiben, größere Gesundheitsrisiken einzugehen.

Chicago Pollution

Climate Change in the Trumpocene Age

Bo Lidegaard argues that the US president-elect’s ability to derail global progress toward a green economy is more limited than many believe.

Die Studie untersucht hauptsächlich unter dem Aspekt der Produktetikettierung, wie Menschen die Risiken von Bisphenol A (BPA) – einer Chemikalie, die häufig zur Härtung von Kunststoffen und zur Verhinderung von Bakterienwachstum in Konserven verwendet wird – im Vergleich zu dessen Alternativen bewerten. Die Studie stellt fest, dass „Menschen eine Situation, in der wissenschaftliche Belege Gegenstand von Kontroversen sind, ähnlich bewerten wie eine Situation, in der überhaupt keine wissenschaftlichen Belege vorliegen.“ Anders ausgedrückt: Weil die Sicherheit von BPA in Frage gestellt wurde, missachten die Leute die wissenschaftlichen Belege insgesamt.

Die Sorgen über BPA hätten schon längst ausgeräumt sein sollen. Jahrelange Forschung und wiederholte Bewertungen durch staatliche Aufsichtsbehörden – darunter eine in diesem Jahr durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit – sind zu dem Schluss gelangt, dass BPA unter normalen Einsatzbedingungen sicher ist. Es ist daher die Beseitigung des BPA aus der Beschichtung der Konservendosen, von der eine Gefahr für die Gesundheit der Verbraucher ausgehen kann, wenn sie nämlich zu einer Zunahme von Lebensmittelvergiftungen durch tödliche Bakterien wie Clostridium botulinum (das Botulismus verursacht) führt.

Die meisten Menschen werden sich der Existenz von BPA überhaupt erst bewusst, wenn sie in ihrem örtlichen Geschäft auf Flaschen ein Etikett mit der Aufschrift „BPA-frei“ sehen. Aber dieses Etikett hat eine profunde Wirkung: Es sendet die unmissverständliche Botschaft aus, dass BPA gesundheitsgefährdend ist. Denn wäre es das nicht, warum würden die Hersteller es dann nicht allein aus ihren Produkten herausnehmen, sondern dies auch noch lauthals verkünden?

„Was die Verbraucher nicht wissen“, so die Verfasser der Studie, „ist, dass BPA häufig durch andere, weniger gut untersuchte Chemikalien ersetzt wird, deren gesundheitliche Auswirkungen praktisch unbekannt sind“ und die sich daher als schlimmer erweisen könnten als die ursprünglich verwendete Substanz. Die Leute freilich bleiben derart auf das Etikett „BPA-frei“ fokussiert, dass sie diese potenziell „bedauerlichen Substitutionen“ akzeptieren und sich so Chemikalien aussetzen, die sie andernfalls vielleicht ablehnen würden.

Gentechnisch modifizierte Organismen (GMOs) sind einem ähnlich problematischen Stigma ausgesetzt, was die beiden amerikanischen Lebensmittelriesen General Mills und Post Foods gezwungen hat, GMOs aus ihren beliebten Frühstückszerealien Cheerios bzw. Grape Nuts zu entfernen. In ihrem Versuch, die empfundene Verbrauchernachfrage zu bedienen, mussten die Hersteller bedauerliche Substitutionen vornehmen, indem sie Produkte auf den Markt brachten, denen bestimmte Vitaminzusätze fehlen. Es ist ironisch, dass sie, um ihren Kunden zu gefallen, nun begonnen haben, schlechtere Produkte zu einem höheren Preis anzubieten.

Natürlich sind die Verbraucher nicht die Einzigen, deren unzureichende Berücksichtigung der Tatsachen zu bedauerlichen Substitutionen führt. Auch die Regierungen treffen übereilte, unrichtige Entscheidungen, die die Wahlfreiheit der Verbraucher beschränken.

Man betrachte etwa die politisch motivierte Entscheidung der Europäischen Union, ab 2013 die als Neonikotinoide bezeichneten hochmodernen Pestizide zu verbieten. Die europäischen Bauern waren daher gezwungen, auf ältere, giftigere und nicht so effektive Pestizide zurückzugreifen (in erster Linie Pyrethroide, die zu diesem Zeitpunkt kaum noch verwendet wurden) und sehen sich nun einem zunehmenden Insektenbefall ausgesetzt. Der Schaden könnte in diesem Jahr einen 15%igen Rückgang bei der Rapsernte zur Folge haben, der wichtigsten Quelle von in Lebensmitteln und Biodiesel verwendetem Speiseöl.

Derartige Entwicklungen halten wichtige Lehren für uns bereit. Wenn Hersteller und Einzelhandel bei ihren Entscheidungen dem Druck von Aktivisten nachgeben, statt sich an wissenschaftlichen Belegen zu orientieren, riskieren sie langfristig die Unzufriedenheit der Verbraucher und potenzielle Produkthaftungsklagen. Genauso sollten die politischen Entscheidungsträger die Wissenschaft über die Politik stellen.

Fake news or real views Learn More

Auch die Öffentlichkeit hat eine wichtige Rolle zu spielen: Sie muss sich eine gesunde Skepsis gegenüber den Behauptungen eigennütziger selbst ernannter „Verbraucherschützer“ bewahren. Heute der Wissenschaft Priorität einzuräumen, ist die sicherste Methode, zu gewährleisten, dass wir als Verbraucher morgen nichts bereuen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan