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Der Nebel der Unordnung

MÜNCHEN – Welche bevorstehende Bedrohung für Frieden und Sicherheit übersieht die Welt im Moment? Nach einem wahrhaft schrecklichen Jahr für den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit wird diese Frage für die Politiker, Analysten und Medienvertreter, die in dieser Woche zur 51. Münchner Sicherheitskonferenz zusammenkommen, noch wichtiger sein als sonst.

Vor einem Jahr waren der Krieg in Syrien und die Ukrainekrise bereits die Herausforderungen, die unsere Tagesordnung bestimmten. Aber viele Teilnehmer der letzten Sicherheitskonferenz würden heute wohl zugeben, dass sie unterschätzt haben, wie schwerwiegend die Ereignisse waren – ganz davon zu schweigen, wie schwerwiegend sie sich weiterentwickeln würden. Denn nur wenige Monate nach der Konferenz – nach der rapiden Eskalation und Regionalisierung beider Krisen und anderen Entwicklungen – attestierten viele Beobachter, dass 2014 den Beginn einer weniger friedlichen, chaotischeren Ära in den internationalen Beziehungen darstelle.

Tatsächlich haben sich im vergangenen Jahr viele Schwächen und Zerfallserscheinungen in Strukturen der kollektiven Sicherheit gezeigt. Deshalb finden Begriffe wie „The Great Unravelling“, das „aus den Fugen geraten“, wie es der amerikanische Journalist Roger Cohen formuliert hat, einen solch großen Widerhall: Sie erfassen das Gefühl von Hilflosigkeit, Kontrollverlust und mangelnder Prognosefähigkeit, das viele Köpfe in der „strategic community“ umtreibt. Der ehemalige NATO-Generalsekretär und EU-Außenbeauftragte Javier Solana beschrieb das vor kurzem so: „Wir haben in einer Illusion gelebt. Jahrelang hat die Welt gedacht, dass der Übergang von einer unipolaren zu einer multipolaren Welt friedlich, ordentlich und stetig sein würde. [...] Wie sehr wir uns getäuscht haben.“

Diese Illusion ging einher mit einem Mangel an Vorstellungskraft. Die Welt kann sich beides nicht leisten. Viele Dinge, die der Vergangenheit anzugehören schienen, sind es leider nicht. Es mag gut klingen, von der richtigen und falschen Seite der Geschichte oder von Methoden des 19. Jahrhundert im 21. Jahrhundert zu sprechen, aber solche Argumente sind wenig mehr als Rhetorik. Im besten Fall schaden diese Floskeln nicht, aber im schlimmsten Fall können sie die Komplexitäten des heutigen Sicherheitsumfelds, die es zu verstehen und anzugehen gilt, verschleiern.