0

Die richtigen Ziele für Investitionen in die Weltgesundheit

KOPENHAGEN – Wenn die Weltmedien Ihre einzige Informationsquelle wären, so könnte man Ihnen verzeihen, falls Sie glaubten, dass die derzeit größte gesundheitliche Bedrohung das Zika-Virus sei, oder dass es im vergangenen Jahr Ebola war – oder davor SARS und die Vogelgrippe.

Die Panik über diese Seuchen hat sich deutlich schneller verbreitet als die Krankheiten selbst. In Wahrheit ist die Zahl ihrer Todesopfer winzig im Vergleich zu bedeutenden Infektionskrankheiten, von denen wir viel weniger hören: Durchfall, Tuberkulose, AIDS, Malaria, Tetanus oder Masern. Noch höher ist die Zahl der Todesopfer von nicht übertragbaren Krankheiten wie Schlaganfällen und Herzanfällen.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Entscheidungsträger weltweit, wie etwa Regierungen und Spender, sehen sich konkurrierenden Prioritäten ausgesetzt, aber sie entscheiden sich häufig nicht ausdrücklich oder auf transparente Weise zwischen diesen Alternativen. Weil die Aufmerksamkeit der Medien auf das Zika-Virus, Ebola oder SARS gerichtet ist, wird dafür mehr Geld ausgegeben.

Meine Denkfabrik, das Copenhagen Consensus Center, veröffentlicht Untersuchungen und Forschungsergebnisse zu den Kosten derartiger Entscheidungen, um Entscheidungsträgern – und der Öffentlichkeit – belastbare Informationen zur Verfügung zu stellen und so eine größtmögliche Entscheidungseffektivität zu gewährleisten. Dieser Ansatz beruht auf der Überzeugung, dass man mit jedem Dollar, den man ausgibt, möglichst viel Gutes tun sollte.

Was die öffentliche Gesundheit angeht, so geben die Länder, in denen die ärmste Milliarde Menschen lebt, durchschnittlich erbärmliche 15 Dollar pro Person und Jahr aus. Jedes Jahr sterben in Ländern niedrigen Einkommens wie Kambodscha, Äthiopien und Haiti etwa neun Millionen Menschen vorzeitig, d. h. vor ihrem 70. Geburtstag. Weitere 19 Millionen Menschen sterben vorzeitig in Ländern mit relativ niedrigem mittleren Einkommen wie Indien, Nigeria und Guatemala. Insgesamt entfällt auf diese ärmsten Länder etwa die Hälfte der Weltbevölkerung.

Bis 2030 wird der zunehmende Wohlstand die Gesamtzahl vorzeitiger Todesfälle von jährlich 28 Millionen auf jährlich 24 Millionen absenken, und das, obwohl sich die Bevölkerungszahl um fast eine Milliarde erhöhen wird. Doch wir könnten mehr erreichen, wenn wir die medizinische Betreuung verbessern könnten.

In einem für das Copenhagen Consensus Center verfassten Aufsatz haben kanadische Wissenschaftler festgestellt, dass es möglich ist, die Kindersterblichkeit gegenüber ihrem Niveau von 2010 um zwei Drittel zu senken und die Anzahl der Todesfälle von Personen zwischen fünf und 69 um ein Drittel zu reduzieren. Insgesamt ließen sich so in der armen Hälfte der Welt bis 2030 sieben Millionen Leben retten. Um dies zu erreichen, müssten die Gesundheitsausgaben von 2% vom BIP auf 5% steigen.

Natürlich erfordert eine Absenkung der Sterblichkeit deutlich mehr als nur die Zuweisung von Geld. Die Mittel müssen in die Ausbildung von Personal, zusätzliche Kliniken und Medikamente kanalisiert werden und in jedem Bereich so effektiv wie möglich eingesetzt werden.

Aber erst mal müssen Mittel da sein, die man kanalisieren kann. Im April 2001 unterzeichneten afrikanische Staats- und Regierungschefs – die viele der weltärmsten Länder repräsentierten – die Erklärung von Abuja und verpflichteten sich darin, mindestens 15% ihrer jährlichen Haushalte zur Verbesserung der Gesundheit auszugeben. Mit Stand 2011 hatte nur Tansania dieses Ziel erreicht, während elf Länder ihre relativen Beiträge tatsächlich verringert hatten und die Ausgaben der verbleibenden neun Unterzeichnerländer stagnierten.

Bei Fortschreibung der aktuellen Trends ist zu erwarten, dass die Gesundheitsausgaben in den Ländern mit niedrigem Einkommen bis 2030 auf 23 Dollar pro Person steigen werden, weil diese Länder mehr Geld haben werden. Dies um weitere 34 Dollar zu erhöhen, würde zwei Millionen zusätzliche Todesfälle pro Jahr vermeiden. Bei den Ländern mit niedrigem mittleren Einkommen werden die durchschnittlichen Gesundheitsausgaben 85 Dollar betragen; dies um weitere 128 Dollar zu erhöhen, könnte bis 2030 fast fünf Millionen Leben zusätzlich retten.

Wie sinnvoll währen diese Investitionen? Die zusätzlichen Kosten würden sich bis 2030 auf fast 500 Milliarden Dollar jährlich belaufen. Doch für jeden ausgegebenen Dollar würden wir vier Dollar an Nutzen für die Menschen erzielen. Für die ärmste Milliarde würde jeder ausgegebene Dollar 13 Dollar Nutzen bringen, weil sich so viele Dinge relativ leicht verbessern lassen.

Doch haben die Politiker noch andere Entscheidungsmöglichkeiten. Würden sie etwa beschließen, besonders wichtige Krankheiten wie Tuberkulose oder Malaria zu bekämpfen, ließe sich mit jedem ausgegebenen Dollar ein Nutzen von 43 bzw. 36 Dollar erzielen. Das wäre effektiver, weil zielgerichteter. Wenn wir im Gegensatz hierzu versuchen, das Gesundheitssystem insgesamt zu verbessern, retten wir weniger Leben, weil unser Geld auch für schwieriger zu heilende Krankheiten verwandt wird, die mit höheren Kosten verbunden sind.

Die Untersuchungen des Copenhagen Consensus Center zeigen, dass eine pauschale Verbesserung unserer Gesundheitssysteme nicht unsere oberste Priorität sein sollte. Doch die Stärkung der Fähigkeit der Entwicklungsländer, bekannte nationale und globale Gesundheitsrisiken – die wahren Killer wie Tuberkulose und HIV/AIDS – zu identifizieren und zu behandeln, ist eine hervorragende Investition.

Die Verbesserung der Reaktionsfähigkeit auf diese großen Killer hätte wahrscheinlich Fortschritte zur Folge, die auch in anderen Bereichen helfen könnten. Beim Ebola-Ausbruch im vergangenen Jahr in Westafrika waren es die Länder mit einer sehr schlechten allgemeinen medizinischen Betreuung, die am meisten litten. Mit einem besseren lokalen Gesundheitsdienst hätte man die Krankheit schneller stoppen können – und möglicherweise hätte sie sich überhaupt nicht erst ausgebreitet.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Vor allem sollten wir dafür sorgen, dass gesundheitspolitische Entscheidungen auf soliden Informationen beruhen, sodass wir jeden Dollar, den wir ausgeben, tatsächlich optimal einsetzen. In der Praxis würde dies nicht bedeuten, das neueste Virus in den Nachrichten zu ignorieren, aber es würde fast mit Sicherheit bedeuten, dass der Großteil unseres Geldes anderswohin gehen sollte.

Aus dem Englischen von Jan Doolan