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Mehr Realismus für die weltweite Energieversorgung

MADRID – Energie ist zu einem Schwerpunkt der globalen Politik geworden. Während die fallenden Ölpreise weltweit Schlagzeilen machen, haben US-Präsident Barack Obama und der chinesische Präsident Xi Jinping ein großes Abkommen zum Klimawandel unterzeichnet, und die Entscheidungen des Europäischen Rats vom Oktober könnten echte Fortschritte hin zu einer ernsthaften gemeinsamen Energiepolitik der Europäischen Union signalisieren. Dieses Momentum könnte im nächsten Jahr anhalten und in der Klimawandelkonferenz (COP21) der Vereinten Nationen im Dezember in Paris seinen Höhepunkt finden.

Um aber ein weltweites Energiesystem zu schaffen, das die wachsende Nachfrage befriedigt und gleichzeitig kohlenstoffneutral ist, müssen wir die Hürden überwinden, an denen vergangene Versuche gescheitert sind. Insbesondere müssen wir die richtige Balance zwischen Ideologie und Realismus, dem öffentlichen und privaten Sektor sowie kurz- und langfristigen Gesichtspunkten finden. Und besonders wichtig ist, dass wir unsere eigenen Verpflichtungen erfüllen.

 1972 Hoover Dam

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Bei der Frage von Ideologie oder Realismus bietet die Europäische Union vielleicht das beste Beispiel für einen unausgewogenen Ansatz, da durch die Tendenz der Europäer, anstatt mit ihren Köpfen mit ihren Herzen zu regieren, effektives Handeln unterminiert wurde. Die reflexartige Ablehnung der Atomkraft durch einige der EU-Mitgliedsstaaten hat zu einem stark gestiegenen Verbrauch von Kohle geführt. Erneuerbare Energien wurden unabhängig von ihrer Effektivität oder Machbarkeit mit einer Art missionarischem Eifer unterstützt. Und die „20/20/20-Ziele der EU“ – 20% weniger Treibhausgasemissionen, 20% Anteil an erneuerbaren Energien und 20% Steigerung der Energieeffizienz bis 2020 – waren mehr ein Mantra als eine Politik.

Die Überwindung des Grabens zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor ist für die Finanzierung des Aufbaus eines effizienten weltweiten Energiesystems unabdingbar. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass allein die jährlich erforderlichen Investitionen in Energieinfrastruktur bis zum Jahr 2040 um 20% auf zwei Billionen US-Dollar ansteigen werden. Im Laufe der nächsten 26 Jahre werden etwa 51 Billionen Dollar benötigt.

Und dies ist nur ein Teil des allgemeinen Mangels an Investitionen in Infrastruktur, der mit einem Defizit von jährlich einer Billion USD größer ist, als es sich die Staaten leisten können. Daher müssen die Regierungen innovative Partnerschaften mit Akteuren des privaten Sektors eingehen und erkennen, dass Energie als öffentliches Gut der Regulierung und Überwachung unterliegen muss.

In diese Richtung gab es bereits einige bemerkenswerte Schritte, obwohl es offen bleibt, ob diese zu konkreten Handlungen führen. China hat sich an die Spitze der Gründung der Asiatischen Investmentbank für Infrastruktur gestellt. Wichtiger noch ist, dass die Weltbank, die G-20 und die EU kürzlich Initiativen zur Lenkung der unternehmerischen Finanzmacht in Richtung Infrastrukturentwicklung vorgestellt hat.

Die Einrichtung für Globale Infrastruktur der Weltbank ist eine offene Plattform, die multilaterale Entwicklungsbanken, nationale Regierungen und private Finanziers zusammen bringt, um Infrastrukturprojekte zur Vollendung zu bringen und die bisherigen Investitionslücken zu schließen. Entscheidend für diese Investitionen ist die Verringerung der damit verbundenen politischen Risiken, insbesondere durch eine stärkere Rolle des weltbankeigenen Büros für multilaterale Investitionsgarantien.

Die G-20 wiederum haben bei ihrem Gipfel in Brisbane im letzten Monat ein neue Globales Infrastrukturzentrum gegründet, um den Informationsaustausch zu verbessern und damit Infrastrukturprojekte rationeller zu gestalten. Und die Einrichtung zur Europäischen Vernetzung der EU hat bis zum Jahr 2020 5,85 Milliarden Euro zur Förderung privater Investitionen in Infrastrukturprojekte zur Vernetzung der Energiesysteme der Mitgliedstaaten bereitgestellt.

Natürlich geht die nötige Beteiligung des privaten Sektors weit über Investitionen hinaus. Auch die Erforschung und Entwicklung neuer Produktionsmethoden zur Verringerung der Nachfrage nach fossilen Energiequellen können die Privaten am besten leisten. Um dies zu fördern, muss der öffentliche Sektor Mittel oder Garantien bereit stellen, was zwar riskant, aber auch sehr nützlich sein könnte. Die Förderung des hydraulischen Aufbrechens (Frackings) durch die US-Regierung – der Technologie, die momentan für die Steigerung der amerikanischen Öl- und Gasförderung sorgt – reicht bis in die 1970er Jahre zurück.

Dies bringt uns zu der Forderung, kurzfristige Ziele mit langfristigen Visionen in Einklang zu bringen. Energieprojekte und -politik müssen sich an der vorhergesagten Erhöhung der Nachfrage in den Entwicklungsländern ausrichten, aber gleichzeitig für genügend Investitionen in zukünftige Förderkapazitäten sorgen.

Beispielsweise werden innerhalb der nächsten 25 Jahre 60% der Förderkapazitäten der EU auslaufen – was mit 2,2 Billionen Dollar zum Investitionsbedarf im Energiesektor beiträgt. Darüber hinaus müssen nach dem erwarteten Höhepunkt der US-Ölförderung Anfang der 2020er Jahre neue Quellen erschlossen werden, beispielsweise im Irak. Angesichts der langen Vorlaufzeit für neue Projekte muss der Ausgleich zukünftiger Engpässe bereits heute beginnen.

All diese Bemühungen haben eine Voraussetzung gemeinsam: dass den Worten auch Taten folgen. Die Welt braucht keine weiteren Verpflichtungen und Versprechungen, sondern Handlungen. Und trotzdem geben viele Länder weiterhin schwache Erklärungen ab, die zu keinem wirklichen Fortschritt führen.

Und erneut besteht dieses Problem vor allem in Europa. Die heutigen Maximen – der Bedarf an diversifizierten Quellen, verbesserter Verknüpfung und einem vernünftigen Energiemix – werden bereits seit mindestens zehn Jahren diskutiert.

Trotz der scheinbar endlosen Vielzahl neuer Energieinitiativen und -projekte hat Europa aber nur wenig echte Fortschritte gemacht – vielleicht hat sich die Energiesituation des Kontinents sogar verschlechtert. Die Neuauflage der immer gleichen Strategien – wie das viel gerühmte 300-Milliarden-Euro-Investitionspaket des Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean Claude Juncker – funktioniert einfach nicht.

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Mit dem Schwerpunkt der Aufmerksamkeit auf COP21 im nächsten Dezember wird das kommende Jahr eine außergewöhnliche Möglichkeit bieten, ein sicheres weltweites Energiesystem aufzubauen. Europa, das auf seine führende Rolle im Energiebereich immer stolz war, sollte mit gutem Beispiel voran gehen und eine realistische Langfriststrategie entwickeln und umsetzen, die den privaten Sektor mit einbezieht.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff