Pupils at Saint Denis Ssebugwawo Secondary School Stuart Price/Getty Images

Die gebrochenen Versprechen des Westens zur Bildungshilfe

NEW YORK – Die Global Partnership for Education (GPE), eine lobenswerte und fähige Initiative zur Ausbildungsförderung in 65 einkommensschwachen Ländern, durchläuft derzeit, was im Sprachgebrauch der Entwicklungshilfe als „Auffüllungsrunde“ bezeichnet wird; d. h., sie bittet Spenderregierungen, ihre Kasse wieder aufzustocken. Die Tatsache freilich, dass die GPE um lediglich eine Milliarde Dollar pro Jahr – bloße Almosen – bittet, entlarvt die Farce der Zusagen westlicher Regierungen zur globalen Bildungsagenda Education for All.

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USA und Europäische Union haben von dieser Agenda nie viel gehalten. Im Bereich der Gesundheit waren sie manchmal zu Investitionen bereit, um Epidemien wie AIDS, Malaria und Ebola einzudämmen oder zu stoppen, um einerseits Leben zu retten und andererseits zu verhindern, dass diese Krankheiten ihre eigenen Länder erreichen. Doch was die Bildung angeht, sind viele westliche Länder stärker daran interessiert, Mauern und Internierungslager zu errichten als Schulen.

Die GPE leistet hervorragende Arbeit bei der Förderung der Grundschulbildung weltweit. Die Spenderländer, die sich alle schon seit langem zur Teilnahme an Education for All verpflichtet haben, sollten sich eigentlich darum reißen, eine der welteffektivsten Organisationen beim Erreichen ihrer Ziele zu unterstützen. Doch tatsächlich gibt es nur wenige großzügige Spender.

Diese Realität reicht bis in die Kolonialzeit zurück. Als der größte Teil Afrikas und weite Teile Asiens unter europäischer Herrschaft standen, investierten die Kolonisatoren wenig in eine grundlegende Bildung. Noch 1950 war Analphabetentum laut Daten der Vereinten Nationen in Europas afrikanischen und asiatischen Kolonien allgegenwärtig. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien waren rund 80-85% der indischen Bevölkerung Analphabeten; etwa genauso hoch war der Anteil in Indonesien zum Zeitpunkt seiner Unabhängigkeit von den Niederlanden. In Französisch-Westafrika lag die Quote 1950 bei 95-99%.

Nach der Unabhängigkeit verfolgten die afrikanischen und asiatischen Länder massive und überwiegend erfolgreiche Initiativen zur Verbesserung der Bildungssituation und zur Steigerung der Lese- und Schreibkompetenz. Doch statt die Gelegenheit zu ergreifen, verlorene Zeit gut zu machen, haben Europa und die USA durchgängig nur kärgliche Hilfe im Bereich der Grund- und Sekundarschulbildung geleistet – obwohl sie öffentlichkeitswirksame Verpflichtungen wie etwa Education for All und das Ziel für nachhaltige Entwicklung Nr. 4 eingegangen sind, das einen allgemeinen Bildungszugang von der Vorschule bis zur Sekundarstufe fordert.

Man betrachte etwa die düsteren Daten für die Entwicklungshilfe im Bildungsbereich, die seit Jahren stagniert – und zwischen 2010 und 2015 sogar zurückgegangen ist. Laut jüngsten OECD-Daten belief sich die Gesamthilfe der Geberländer für die Grund- und Sekundarschulbildung in Afrika 2016 auf bloße 1,3 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der Haushalt des Pentagons beträgt rund zwei Milliarden Dollar proTag. Angesichts der rund 420 Millionen afrikanischen Kinder im Schulalter betrug die Gesamthilfe also rund drei Dollar pro Kind und Jahr.

Dabei ist es nicht so, als wüssten die westlichen Regierungen nicht, dass viel mehr gebraucht wird. Mehrere detaillierte aktuelle Berechnungen geben glaubwürdige Schätzungen zum externen Finanzierungsbedarf der Entwicklungsländer ab, um das Entwicklungsziel Nr. 4 zu erreichen. Eine UNESCO-Studie beziffert den Gesamtbetrag auf 39,5 Milliarden Dollar pro Jahr. Ein Bericht der International Commission on Financing Education Opportunity, die vom ehemaligen britischen Premierminister Gordon Brown geleitet wird, geht ebenfalls von dutzenden Milliarden Dollar jährlich aus.

Der Grund, warum diese Hilfe gebraucht wird? Ein einjähriger Schulbesuch kostet in Afrika mindestens 300 Dollar pro Schüler. (Man beachte, dass die reichen Länder mehrere tausend Dollar jährlich pro Schüler ausgeben.) Da rund ein Drittel der afrikanischen Bevölkerung aus Kindern im Schulalter besteht, liegt der Finanzierungsbedarf pro Kopf also bei ungefähr 100 Dollar. Doch für ein typisches afrikanisches Land sind das etwa 10% des Nationaleinkommens pro Kopf – deutlich mehr, als der Bildungshaushalt leisten kann. Externe Hilfen können und sollten die Finanzierungslücke schließen, damit alle Kinder die Schule besuchen können.

Aber das passiert nicht. Die jährlichen Ausgaben pro Kind im Schulalter in Schwarzafrika betragen rund ein Drittel des erforderlichen Minimums. Infolgedessen beenden die meisten Kinder die weiterführende Schule nicht einmal annähernd. Sie sind gezwungen, vorher abzugehen, weil es in öffentlichen Schulen keine Plätze gibt und das Schulgeld für Privatschulen für die meisten Familien viel zu hoch ist. Insbesondere Mädchen verlassen die Schule vorzeitig, obwohl die Eltern wissen, dass alle ihre Kinder eine gute Schulbildung brauchen und verdienen.

Ohne die Fertigkeiten, die die Sekundarschule ihnen vermittelt, sind diese Kinder zur Armut verdammt. Viele versuchen in dem verzweifelten Streben nach einem besseren Leben dann irgendwann, nach Europa zu gelangen. Einige ertrinken unterwegs; andere werden durch europäische Patrouillen aufgegriffen und nach Afrika zurückgeschickt.

Und nun steht also die Auffüllungsrunde der GPE an, die für Anfang Februar im Senegal angesetzt ist. Die GPE sollte mindestens zehn Milliarden Dollar jährlich erhalten (was etwa den Militärausgaben von vier Tagen der NATO-Länder entspricht), um Afrika auf einen Kurs hin zu einer allgemeinen Sekundarschulbildung zu bringen. Stattdessen bettelt die GPE die Geberländer noch immer um nicht einmal eine Milliarde Dollar an, um GPE-Programme auf der ganzen Welt abzudecken. Statt die Bildungskrise tatsächlich zu lösen, gehen führende Politiker der reichen Länder von Rede zu Rede und von Sitzung zu Sitzung und verkünden ihre brennende Liebe zu einer Bildung für alle.

Überall in Afrika tun politische, religiöse und zivilgesellschaftliche Führer, was sie können. Ghana hat vor kurzem eine kostenlose Sekundarschulbildung für alle angekündigt und dem Kontinent damit das Tempo vorgegeben. Während sich die afrikanischen Länder abmühen, ihre ehrgeizigen Zusagen einzuhalten, sollten neue Partner – darunter private Unternehmen und wohlhabende Privatpersonen – vortreten, um zu helfen. Die traditionellen Geber ihrerseits haben viele verlorene Jahrzehnte gutzumachen. Das Streben nach Bildung wird sich nicht stoppen lassen, aber die Geschichte wird hart über jene richten, die den bedürftigen Kindern den Rücken kehren.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/v2Xk3yz/de;

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