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Der Marshmallow-Test der Weltwirtschaft

NEW YORK – Die Weltwirtschaft erlebt gerade einen turbulenten Start in das Jahr 2016. Die Aktienmärkte befinden sich auf Talfahrt; die Schwellenökonomien leiden unter drastisch sinkenden Rohstoffpreisen; der Flüchtlingszustrom sorgt für eine weitere Destabilisierung Europas; Chinas Wachstum hat sich aufgrund einer Umkehr der Kapitalflüsse und einer überbewerteten Währung deutlich verlangsamt; und die USA befinden sich im Zustand politischer Lähmung. Ein paar Zentralbanker kämpfen darum, die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. 

Um diesem Chaos zu entkommen, gilt es vier Prinzipien zu beachten. Erstens: der weltweite wirtschaftliche Fortschritt ist abhängig von hohen weltweiten Ersparnissen und Investitionen. Zweitens sollten die Ströme der Ersparnisse und Investitionen auf globaler und nicht auf nationaler Ebene betrachtet werden. Drittens hängt Vollbeschäftigung von hohen Investitionsquoten ab, die ebenso hohen Sparquoten entsprechen. Und viertens sind hohe private Investitionen der Unternehmen auf hohe öffentliche Investitionen in Infrastruktur und Humankapital angewiesen. Widmen wir uns diesen Punkten nun im Einzelnen.

Zunächst sollte unser Ziel globaler wirtschaftlicher Fortschritt sein, also die Schaffung weltweit besserer Lebensbedingungen. Tatsächlich wurde dieses Ziel in den neuen, im letzten September von allen 193 Mitgliedern der Vereinten Nationen verabschiedeten Nachhaltigen Entwicklungszielen festgeschrieben. Fortschritt hängt von einer hohen internationalen Investitionsquote ab: vom Aufbau der zur Steigerung des Lebensstandards notwendigen Qualifikationen, der Technologie und des physischen Kapitalbestandes. Wie im Leben gibt es auch im Bereich wirtschaftlicher Entwicklung nichts geschenkt: ohne hohe Investitionen in fachliche Expertise, Qualifikationen, technische Anlagen und zukunftsfähige Infrastruktur geht die Produktivität tendenziell zurück (hauptsächlich aufgrund von Wertverlust) und verringert somit den Lebensstandard.

Hohe Investitionsquoten sind wiederum abhängig von hohen Sparquoten. Im Rahmen eines berühmten psychologischen Experiments stellte man Folgendes fest: Kinder, die der unmittelbaren Versuchung, ein Marshmallow zu essen, widerstehen konnten und so die Aussicht auf zwei Marshmallows später hatten, waren als Erwachsene eher erfolgreich als Kinder, die dieser Versuchung nicht widerstehen konnten. In ähnlicher Weise genießen auch Gesellschaften, die unmittelbaren Konsum aufschieben, um zu sparen und in Zukunft zu investieren, später höhere Einkommen und größere Sicherheit der Altersversorgung. (Wenn amerikanische Ökonomen China raten, den Konsum zu steigern und die Sparquoten zu senken, verbreiten sie damit bloß die schlechten Gewohnheiten der amerikanischen Kultur, wo viel zu wenig gespart und in die Zukunft Amerikas investiert wird.)