Quarantine ward Tim Brakemeier/Getty Images

Vorsorge gegen die nächste Pandemie

SYRACUSE – Die jüngsten Krankheitsausbrüche wie Ebola und Zika haben die Notwendigkeit aufgezeigt, auf Pandemien vorbereitet zu sein und sie einzudämmen, bevor sie noch entstehen. Doch die schiere Vielfalt, Hartnäckigkeit und Übertragbarkeit tödlicher Krankheiten hat auch in krassester Weise deutlich gemacht, wie schwierig Eindämmung und Prävention sein können.

The Year Ahead 2018

The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

Order now

Eine Bedrohung für die Gefahrenabwehr besteht in unserer Mobilität. Die Mühelosigkeit des internationalen Reisens für Menschen ermöglichte es auch Dengue-, Chikungunya- und Zika-Viren in den letzten Jahren von Ost nach West zu gelangen und für massive Krankheitsausbrüche in den Amerikas und der Karibik zu sorgen. Eine andere Gefahr ist banaler: man streitet um Geld. Ungeachtet der Gründe dafür ist festzustellen, dass Infektionskrankheiten weiterhin verheerenden Schaden - mit desaströsen Folgen - anrichten werden, wenn es nicht gelingt, kollektive und umfassende Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Die Erarbeitung einer wirksamen Präventions- und Eindämmungsstrategie – die Biogefahrenabwehr – ist die beste Methode, der Bedrohung durch weltweite Ansteckungsgefahr zu begegnen. Diese Gefahrenabwehr erfordert, dass sich Behörden untereinander koordinieren und Geldgeber Netzwerke aufbauen, die den raschen Einsatz von Impfstoffen, Medikamenten und Protokollen sowie einen entsprechenden Zugang dazu ermöglichen, um so die Ausbreitung einer Krankheit einzugrenzen. Einfach ausgedrückt: sich gegen die nächste Pandemie zu wappnen, heißt nicht nur, weltweit Kapazitäten aufzubauen, sondern auch dafür zu bezahlen.

Soweit zumindest die Idee. Die Realität der Biogefahrenabwehr ist weit komplizierter. Zunächst verhindert eine fehlende zweckgebundene Finanzierung in vielen Ländern die Umsetzung langfristiger Präventionsstrategien; in einem neuen Bericht der Weltbank wird festgestellt, dass nur sechs Länder, darunter die Vereinigten Staaten, die Bedrohung ernst nehmen. Unterdessen kämpfen Vertreter des öffentlichen Gesundheitswesens in vielen Teilen der Welt mit der Reaktion auf Krankheitsausbrüche, weil es an Laboratorien und Kliniken fehlt. Und zahlreiche finanzierende Institutionen, darunter Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, bieten in der Regel finanzielle Unterstützung für lediglich ein Jahr an, wodurch langfristige Planung ausgeschlossen ist.

Jahrelang haben Wissenschaftler, Ärzte und Akteure der Zivilgesellschaft ihre Sorge geäußert, dass es an zuverlässigen, sinnvollen und institutionalisierten Investitionen in die Pandemievorsorge fehlt. Frustrierenderweise kamen diese Appelle zu einer Zeit, da die Finanzierung der Abwehr militärischer – also bewusst von menschlichen Akteuren verübter - Bioattacken gesichert blieb. Doch obwohl diese zielgerichteten, in schändlicher Weise herbeigeführten Ausbrüche von Infektionskrankheiten enormen Schaden anrichten können, ist deren Wahrscheinlichkeit relativ gering. Im Gegensatz dazu kommt es regelmäßig zu natürlichen Krankheitsausbrüchen und diese sind auch weit kostspieliger, obwohl ihnen der reißerische „Angstfaktor“ des Bioterrorismus fehlt.

Vor nicht allzu langer Zeit fühlten sich die mit der Prävention von Ausbrüchen infektiöser Krankheiten befassten Akteure noch sicherer hinsichtlich der Verfügbarkeit der zur Gefahrenabwehr erforderlichen Ressourcen. Doch vielerorts stagnieren die entsprechenden Budgets oder sind sogar rückläufig. Angesichts der relativ niedrigen Kosten der Prävention in Relation zu den Gegenmaßnahmen ist das ein erstaunlich kurzsichtiger Ansatz. So stellt sich beispielsweise die Frage, wie hoch die Kosten für den Aufbau einer Infrastruktur aus Kliniken und Laboratorien sowie die Schulung von Mitarbeitern gewesen wären, derer es bedurft hätte, um den jüngsten Ebola-Ausbruch in Westafrika zu erkennen und zu verhindern? Genaue Zahlen liegen zwar nicht vor, aber für mich herrscht kein Zweifel, dass es weniger gewesen wäre als die Milliarden Dollars, die für Eindämmung ausgegeben wurden. Gefahrenabwehr macht sich bezahlt.

Aber nicht nur die fehlende Finanzierung lässt die Alarmglocken schrillen, sondern auch die Einschränkungen, wie verfügbare Mittel eingesetzt werden dürfen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Zuwendungen auf die Finanzierung spezieller Aktivitäten beschränkt sind. Dadurch entstehen bei Programmen große Finanzierungslücken und die Ziele können nicht erreicht werden. Ein Geldgeber kann beispielsweise die Renovierung eines bestehenden Labors gestatten, aber nicht die Errichtung eines neuen; oder mit dem Geld für den Ankauf eines Diagnosegeräts darf keine Schulung für Mitarbeiter bezahlt werden, die aber erforderlich sind, um das Gerät zu bedienen. In vielen Entwicklungsländern verfügen Gemeinden nicht einmal über Gebäude, wo sie gefährliche Krankheitserreger testen, überwachen oder lagern können. Die kurzsichtige Finanzierung von Projekten, bei der die Schlüsselelemente der Gesamtlösung außer Acht gelassen werden, ist schlecht investiertes Geld.

Wenn man bedenkt, dass zu diesen Herausforderungen noch Schwierigkeiten kommen, Mitarbeiter zu bezahlen oder eine zuverlässige Elektrizitätsversorgung und andere entscheidende Leistungen zu garantieren, wird klar, dass die Vorbereitung auf Krankheitsausbrüche das umfassende Engagement der internationalen Hilfsgemeinschaft erfordert. Doch derzeit sind denjenigen, die an der Prävention des nächsten ernsthaften Krankheitsausbruchs arbeiten, durch mühsame Regeln zur Verwendung der Hilfsgelder und ungenügende finanzielle Versprechen die Hände gebunden.

Die Zahl der Hindernisse, vor denen Wissenschaftler und Gesundheitsexperten im Kampf zur Eindämmung tödlicher Infektionskrankheiten stehen, ist atemberaubend. Um sie zu überwinden, müssen wir unsere Vorstellung der Gefahrenabwehr neu definieren und von einem reaktiven zu einem proaktiven Ansatz übergehen. Das für die Gefahrenabwehr bestimmte Geld muss auf entsprechenden Ebenen zugeteilt werden, um die erforderliche Wirkung zu erzielen. Beschränkungen des Verwendungszwecks sind zu lockern. Es müssen Finanzierungsquellen erschlossen werden, um mehrjährige Finanzierungszusagen zu ermöglichen. Gesundheitsdienstleister und Ersthelfer haben eine angemessene Ausbildung zu erhalten. Und langfristige Lösungen wie die Einführung und Vernetzung von Überwachungssystemen zur Biogefahrenabwehr sollten erweitert und gestärkt werden, um es den Mitarbeitern öffentlicher Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt zu ermöglichen, Krankheiten von Mensch und Tier nachzuverfolgen und Abwehrmaßnahmen zu konzipieren.

Öffentliche Gesundheit ist ein entscheidendes Element globaler Sicherheit. Ungenügende Investitionen in die Prävention von Ausbrüchen infektiöser Krankheiten stellen eine Gefahr für uns alle dar, ungeachtet dessen, wann und wo der nächste Ausbruch stattfindet.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/p3avT3a/de;

Handpicked to read next

  1. Chris J Ratcliffe/Getty Images

    The Brexit Surrender

    European Union leaders meeting in Brussels have given the go-ahead to talks with Britain on post-Brexit trade relations. But, as European Council President Donald Tusk has said, the most difficult challenge – forging a workable deal that secures broad political support on both sides – still lies ahead.

  2. The Great US Tax Debate

    ROBERT J. BARRO vs. JASON FURMAN & LAWRENCE H. SUMMERS on the impact of the GOP tax  overhaul.


    • Congressional Republicans are finalizing a tax-reform package that will reshape the business environment by lowering the corporate-tax rate and overhauling deductions. 

    • But will the plan's far-reaching changes provide the boost to investment and growth that its backers promise?


    ROBERT J. BARRO | How US Corporate Tax Reform Will Boost Growth

    JASON FURMAN & LAWRENCE H. SUMMERS | Robert Barro's Tax Reform Advocacy: A Response

  3. Murdoch's Last Stand?

    Rupert Murdoch’s sale of 21st Century Fox’s entertainment assets to Disney for $66 billion may mark the end of the media mogul’s career, which will long be remembered for its corrosive effect on democratic discourse on both sides of the Atlantic. 

    From enabling the rise of Donald Trump to hacking the telephone of a murdered British schoolgirl, Murdoch’s media empire has staked its success on stoking populist rage.

  4. Bank of England Leon Neal/Getty Images

    The Dangerous Delusion of Price Stability

    Since the hyperinflation of the 1970s, which central banks were right to combat by whatever means necessary, maintaining positive but low inflation has become a monetary-policy obsession. But, because the world economy has changed dramatically since then, central bankers have started to miss the monetary-policy forest for the trees.

  5. Harvard’s Jeffrey Frankel Measures the GOP’s Tax Plan

    Jeffrey Frankel, a professor at Harvard University’s Kennedy School of Government and a former member of President Bill Clinton’s Council of Economic Advisers, outlines the five criteria he uses to judge the efficacy of tax reform efforts. And in his view, the US Republicans’ most recent offering fails miserably.

  6. A box containing viles of human embryonic Stem Cell cultures Sandy Huffaker/Getty Images

    The Holy Grail of Genetic Engineering

    CRISPR-Cas – a gene-editing technique that is far more precise and efficient than any that has come before it – is poised to change the world. But ensuring that those changes are positive – helping to fight tumors and mosquito-borne illnesses, for example – will require scientists to apply the utmost caution.

  7. The Year Ahead 2018

    The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

    Order now