migration Spencer Platt/Getty Images

Migrationsmythen und Wirtschaftsfakten

WASHINGTON, DC – Am 19. Dezember 2018 stimmte die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit 152 Stimmen – bei 5 Gegenstimmen und 12 Stimmenthaltungen - für die Verabschiedung des globalen Paktes für sichere, geordnete und reguläre Migration. Die Befürworter priesen den Pakt als einen Schritt in Richtung eines humaneren und besser organisierten Migrationsmanagements, wobei der Widerstand jedoch erheblich bleibt.   

Bei dem Pakt handelt es sich weder um einen rechtlich verbindlichen Vertrag noch um eine Garantie neuer Rechte für Migranten. Tatsächlich erarbeitete man die 23 Ziele des Pakts auf Grundlage zwei Jahre dauernder inklusiver Diskussionen und sechs Verhandlungsrunden, die insbesondere darauf abzielten, ein Rahmenwerk für die internationale Zusammenarbeit zu schaffen, das nicht übermäßig in die inneren Angelegenheiten der Länder eingreifen würde.

Aufgrund der Missverständnisse rund um den Pakt lohnt sich eine nähere Betrachtung der Herausforderung durch die Migration – und der enormen Vorteile, die ein gut geführtes System für Gast- und Herkunftsländer gleichermaßen mit sich bringt.

Migration ist in erster Linie durch fehlende wirtschaftliche Möglichkeiten im Herkunftsland motiviert. Da das durchschnittliche Einkommensniveau in Ländern hohen Einkommens über 70 Mal höher liegt als in Ländern niedrigen Einkommens, kommt es nicht überraschend, dass sich viele Menschen in den Entwicklungsländern veranlasst sehen, ihr Glück anderswo zu versuchen.

Verstärkt wird dieser Trend durch demographische Veränderungen. Während die Länder hohen Einkommens mit alternden Bevölkerungen konfrontiert sind, wachsen in vielen Ländern mit niedrigerem Einkommen die Bevölkerungsgruppen der Jungen und der Menschen im Erwerbsalter. Auch technologische Brüche üben Druck auf die Arbeitsmärkte aus. Und wie aus einem jüngst erschienenen Bericht der Weltbank hervorgeht, wird der Klimawandel diesen Trend noch verstärken und in den nächsten Jahrzehnten geschätzte 140 Millionen Menschen aus ihren Heimatländern vertreiben. 

Doch entgegen der landläufigen Meinung bewegt sich fast die Hälfte aller Migranten nicht aus den Entwicklungsländern in die Industrieländer. Vielmehr migrieren sie zwischen den Entwicklungsländern und oftmals innerhalb der regionalen Nachbarschaft.

Subscribe now
ps subscription image no tote bag no discount

Subscribe now

Get unlimited access to OnPoint, the Big Picture, and the entire PS archive of more than 14,000 commentaries, plus our annual magazine, for less than $2 a week.

SUBSCRIBE

Überdies nimmt auch die Rückkehrmigration zu – eine Tatsache, die oft übersehen wird. Der Grund dafür besteht vielfach darin, dass den Migranten der Eintritt in den Arbeitsmarkt verwehrt wurde oder ihre Arbeitsverträge auslaufen. So ist die Zahl der neu registrierten südasiatischen Arbeitskräfte in den Golfstaaten in den letzten zwei Jahren erheblich gesunken – im Ausmaß zwischen 12 und 41 Prozent. In Europa stieg die Zahl der potenziellen Rückkehrer – Asylbewerber, deren Anträge abgewiesen wurden oder die keine Dokumente vorweisen konnten – zwischen 2011 und 2017 um das Vierfache an und erreichte die Zahl von 5,5 Millionen Menschen. In den Vereinigten Staaten hat sich die Zahl der potenziellen Rückkehrer im gleichen Zeitraum auf mehr als drei Millionen verdoppelt. Die Rückkehrmigration aus Saudi Arabien und Südafrika ist ebenfalls angestiegen.

Migranten, die in ihren Gastländern bleiben, leisten erhebliche Beiträge. Obwohl die geschätzt 266 Millionen Migranten weltweit nur etwa 3,4 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, tragen  sie mehr als 9 Prozent zum BIP bei.

Um das zu erreichen, müssen Migranten hohe Hindernisse auf dem Weg zu wirtschaftlichem Erfolg überwinden. Für eine Beschäftigung außerhalb ihrer Länder bezahlen beispielsweise ungelernte Arbeitskräfte, insbesondere jene aus armen Ländern, oftmals sehr hohe Gebühren an skrupellose Arbeitsvermittler – wobei diese Gebühren in manchen Zielländern mehr als das gesamte Jahreseinkommen des Migranten übersteigen können. Aus diesem Grund ist in den Zielen nachhaltiger Entwicklung (SDG) die Senkung der Anwerbungskosten als ein Ziel definiert.

Migration bietet auch den Herkunftsländern große wirtschaftliche Vorteile. Migranten geben zwar den größten Teil ihrer Löhne in ihren Gastländern aus – und steigern damit dort die Nachfrage -  aber sie schicken auch Geld nach Hause, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Es ist bekannt, dass diese Überweisungen die offizielle Entwicklungshilfe übersteigen. Im vergangenen Jahr wuchsen die Überweisungen in Länder niedrigen und mittleren Einkommens um 11 Prozent auf 528 Milliarden Dollar an und übertrafen damit den Zustrom an ausländischen Direktinvestitionen in diese Länder.

[Grafik 1]

Weltweit die meisten Überweisungen aus dem Ausland erhält Indien (80 Milliarden Dollar) gefolgt von China, den Philippinen, Mexiko und Ägypten. Als Anteil am BIP flossen die meisten Überweisungen nach Tonga, Kirgisistan, Tadschikistan und Nepal. Der Anstieg der Überweisungen in die Herkunftsländer im Jahr 2018 war auf die Verbesserung des Arbeitsmarktes in den USA und auf zunehmende Geldflüsse aus Russland und den Golfstaaten zurückzuführen.

Das Potenzial der Rücküberweisungen zur Unterstützung einer nachhaltigen Entwicklung wird jedoch nicht ausgeschöpft. Ein großes Hindernis stellen die hohen Kosten für die Geldüberweisungen dar.

[Grafik 2]

Migranten, die Geld nach Hause schicken, zahlen im Durchschnitt 7 Prozent des Gesamtbetrags einer Überweisung an Gebühren. Gründe dafür sind der schwache Wettbewerb auf dem Markt für Überweisungsdienste – eine Folge der strengen Vorschriften zur Bekämpfung von Finanzstraftaten wie Geldwäsche – sowie das Festhalten an ineffizienter Technologie. Um das in den Zielen nachhaltiger Entwicklung (SDG) definierte Ziel einer Senkung der Überweisungskosten auf unter 3 Prozentzu erreichen -  und damit den Fortschritt in Richtung einer Steigerung des Gesamtvolumens der Überweisungen zu unterstützen – werden sich die Länder dieser Schwachstellen annehmen müssen.

Diese oftmals übersehenen Möglichkeiten, wie Migration aufgrund ihres Zusammenhangs mit den SDG-Indikatoren die Entwicklung unterstützen kann, werden von uns genau beobachtet. Jüngste Forschungsergebnisse entlarven aber auch andere Migrationsmythen und zeigen beispielsweise, dass Migranten weder eine erhebliche haushaltspolitische Belastung ihrer Gastländer darstellen noch die Löhne geringer qualifizierter einheimischer Arbeitskräfte drücken.  

Die Migrationsströme nehmen zu – dieser Trend wird sich fortsetzen. Eine von gängigen Mythen geprägte fragmentarische Migrationspolitik kann diesen Prozess nicht wirksam steuern und noch weniger die Möglichkeiten nutzen, um die durch Migration entstehende Entwicklung voranzutreiben. Das kann nur mit einem koordinierten Ansatz erreicht werden, wie er im weltweiten Migrationspakt vorgesehen ist.

http://prosyn.org/XIIw9Sa/de;

Cookies and Privacy

We use cookies to improve your experience on our website. To find out more, read our updated cookie policy and privacy policy.