15

Das Ende der deutschen Hegemonie

BRÜSSEL – Ohne dass es bisher irgendwer so recht bemerkt hat, verschiebt sich derzeit Europas internes Machtgleichgewicht. Deutschlands dominante Position, die seit der Finanzkrise von 2008 unantastbar erschien, schwächt sich allmählich ab – mit weitreichenden Auswirkungen für die Europäische Union.

Natürlich stärkt aus Soft-Power-Perspektive die bloße Tatsache, dass man Deutschland für stark hält, den Status und die strategische Stellung des Landes. Aber es wird nicht mehr lange dauern, bis die Leute merken, dass der wesentliche Faktor, der dieser Wahrnehmung zugrundeliegt– nämlich dass Deutschlands Volkswirtschaft weiter gewachsen ist, während die meisten anderen Euroländer eine lange Rezession erlebten –, außergewöhnliche Umstände widerspiegelt, die nicht mehr lange vorliegen werden.

In zwölf der letzten zwanzig Jahre lag Deutschlands Wachstumsrate unter dem Durchschnitt der drei anderen großen Euroländer (Frankreich, Italien und Spanien). Obwohl das deutsche Wachstum in der Phase nach der Krise deutlich über diesem Dreiländerdurchschnitt lag (siehe Grafik), prognostiziert der Internationale Währungsfonds, dass es innerhalb von fünf Jahren wieder darunter zurückfallen wird – und dass es dann deutlich unter den Durchschnitt der Eurozone liegen wird, der die kleineren, wachstumsstarken Länder Mittel- und Osteuropas mit umfasst.