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Lehren aus Deutschland zur Flüchtlingsintegration

DAVOS – Regierungen auf der ganzen Welt stehen vor einer enormen Herausforderung. Die Zahl der internationalen Migranten ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen und erreichte im Jahr 2015 einen Wert von 244 Millionen Menschen – das entspricht einem Anstieg von 41 Prozent gegenüber dem Jahr 2000. Da sich unter diesen Migranten auch 20 Millionen Flüchtlinge befinden, ist eine rasche und verantwortungsvolle Integration in das Gastland erforderlich, um einen humanitären Albtraum abzuwenden. Die damit verbundene logistische Herausforderung erhöht auch den Druck auf die Länder mit den höchsten Zuwächsen.

Deutschland, das im Jahr 2015 etwa 1,1 Millionen Menschen aufgenommen hat, kennt diesen Druck nur allzu gut. Doch das Land hat sich diesem Druck nicht gebeugt. Im Gegenteil: Deutschland hat die Belastung außerordentlich gut gemeistert und bewiesen, dass Länder durch fortgesetzte Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Unternehmen und Zivilgesellschaften einen wirksamen Ansatz entwickeln können, um den Bedürfnissen der Flüchtlinge sowie der Aufnahmeländer zu entsprechen.

Um erfolgreiche Arbeit zu leisten, müssen die Länder sicherstellen, über Kapazitäten, Ressourcen und Strukturen zu verfügen, damit den Bedürfnissen der Flüchtlinge in effizienter Weise Rechnung getragen werden kann. Solides Management und die Koordination zwischen Transit- und Zielländern ermöglichen es Regierungen, Unternehmen, NGOs und Hilfsorganisationen, den auf dem Weg der Flüchtlinge unweigerlich auftretenden Herausforderungen wirksamer zu begegnen. Gleichzeitig müssen diese Herausforderungen aus der Perspektive der Flüchtlinge betrachtet werden, um zu gewährleisten, dass Transit- und Gastländer auch wirklich anbieten, was die Flüchtlinge brauchen.

Glücklicherweise scheinen sich die notwendigen Kooperationen und das nötige Engagement zu entwickeln. Aus meiner Perspektive in Deutschland erkenne ich eine wachsende Zahl von Unternehmen, die die Chance ergreifen und logistische sowie humanitäre Herausforderungen annehmen und Leistungen anbieten, die den Flüchtlingen helfen, ein neues Leben aufzubauen. Die Kosten für Infrastruktur, Technologie, Gesundheitsversorgung, Ausbildung, Schulbildung und mehr werden dabei von diesen Unternehmen gemeinsam getragen.

Konkret haben etwa 100 deutsche Unternehmen, unter ihnen auch sehr bekannte Namen, die Initiative Wir Zusammen ins Leben gerufen, die darauf abzielt, Neuankömmlinge zu integrieren. Bislang hat die Initiative Praktika für etwa 1.800 Flüchtlinge sowie Ausbildungsplätze für weitere 300 Flüchtlinge zur Verfügung gestellt.

Mein Unternehmen, PwC Deutschland, bietet neu ankommenden Flüchtlingen – also in einer alles entscheidenden Phase -  kostenlose zehnwöchige Sprachkurse und Kurse zur Berufsausbildung an. Viele Flüchtlinge dürfen während der ersten drei Monate in ihrem Gastland nicht arbeiten und bis ihrem Asylantrag stattgegeben wird, haben sie auch keinen Zugang zu öffentlichen Integrationsprogrammen. Dank unserer und anderer ähnlicher Initiativen können die Flüchtlinge diese Zeit nutzen und sich auf den Eintritt in den Arbeitsmarkt vorbereiten, indem sie wertvolle Kompetenzen erwerben und auch eine zertifizierte Beurteilung ihrer beruflichen Eignung erhalten. Derartige Initiativen helfen nicht nur den Flüchtlingen, sondern auch den Unternehmen – und so wiederum der deutschen Wirtschaft.

Firmen, die in den frühen Phasen des Integrationsprozesses keine Angst vor Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden haben, werden mit der Chance belohnt, hochmotivierte und vielfach hochqualifizierte Menschen auszubilden und anzustellen. Das sollte vor allem für Firmen, die unter einem Fachkräftemangel leiden, besonders verlockend sein. Die Bereiche Produktion, Gesundheitsversorgung und Pflege werden wahrscheinlich am stärksten von dem wachsenden Angebot an Arbeitskräften profitieren.

Deutschlands Erfahrungen bieten wichtige Lehren für andere Länder, die versuchen, Flüchtlinge anzusiedeln. Eine der nützlichsten und am leichtesten umzusetzenden Lehren besteht darin, dass die Reise eines Flüchtlings am besten in vier unterschiedlichen Phasen organisiert und bewältigt wird.

Die Transit-Phase. Der Flüchtling ist aus einem Land geflohen, wo das Leben aufgrund eines Konflikts oder eines Mangels an wirtschaftlichen Chancen untragbar wurde, aber in seinem Gastland ist er noch nicht angekommen. Dabei handelt es sich um die unsicherste Phase, während der die Flüchtlinge über keinen sicheren Hafen verfügen. Sie sind nicht nur den Gefahren der Elemente ausgesetzt, sondern auch Schmugglern, Menschenhändlern und anderen Kriminellen, die versuchen, die Notlage der Flüchtenden auszunutzen.

Die Ankunftsphase. Die Flüchtlinge finden eine erste Art Sicherheit vor und bekommen vorübergehend Unterkunft und Unterstützung. Während dieser Phase können sie sich in ihrem aktuellen Gastland registrieren und im Schutzland ihrer Wahl um Asyl ansuchen.     

Schutz, Ansiedlung und Integration. Im Land ihrer Wahl erhalten die Flüchtlinge Schutz und Unterstützung, während sie auf die Entscheidung hinsichtlich ihres Asylantrages warten. Wird dem Antrag stattgegeben, erhalten sie eine Unterkunft und werden durch Arbeits- und Ausbildungsprogramme in die jeweiligen Gemeinschaften integriert. In dieser Phase können die Unternehmen den größten Beitrag leisten. Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass Integration am besten funktioniert, wenn sie mit praktischer Ausbildung und konkreten beruflichen Chancen verknüpft ist.

Die Rückführungsphase. Im Falle der Ablehnung des Asylantrags des Flüchtlings wird er oder sie wieder in ihr Herkunftsland rückgeführt. Längerfristig kann eine Rückführung auch jenen Flüchtlingen ins Haus stehen, die zwar Asyl erhielten, aber in ihr Heimatland zurückkehren müssen, wenn sich die Umstände dort geändert haben und eine sichere Rückkehr möglich ist.

In jeder Phase erfordern zahlreiche parallel zu bewältigende Aufgaben Kapazitäten und den Einsatz von Ressourcen. Wie wir in Deutschland gesehen haben, können Unternehmen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung nationaler und lokaler Regierungen spielen und damit den Flüchtlingen, sich selbst und der Wirtschaft im Allgemeinen helfen. In diesem Sinne ist die Flüchtlingskrise eine wirklich wertvolle Chance.  Um der Flüchtlinge – und um unserer selbst – willen, sollten wir sie nicht vergeben.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier