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Deutschland ist nicht Volkswagen

MÜNCHEN – Der Skandal um Volkswagen hat dazu geführt, dass das deutsche Produktionsmodell hinterfragt wird. Wenn der Erfolg der Dieselfahrzeuge des Unternehmens teilweise auf die betrügerischen Versuche zurückzuführen ist, die Menge ihrer schädlicher Abgase zu verschleiern, würden dann ähnliche Enthüllungen anderer Konzerne die Verwandlung des Landes vom „kranken Mann Europas“ in eine exportgetriebene dynamische Wirtschaftsmacht in Frage stellen?

Glücklicherweise ist die Antwort mit ziemlicher Sicherheit nein. Der deutsche Wettbewerbsvorteil hat weniger mit Täuschung zu tun, als vielmehr mit der Struktur der Unternehmen des Landes und der dortigen Unternehmenskultur. Deutschlands führender Automobilkonzern ist kein Beispiel für die Produktionsregeln, die das Land zum Erfolg geführt haben, sondern stellt eine Ausnahme dar.

In der Tat wird der deutsche Erfolg oft als Modell für andere Länder bezeichnet, und dies zu Recht. Seit Beginn des Jahrhunderts hat sich das Land zu einem der führenden Exporteure der Welt entwickelt und in diesem Bereich alle anderen großen europäischen Staaten hinter sich gelassen. Von 2000 bis 2013 stiegen die deutschen Exporte um 154%, verglichen mit 127% Wachstum in Spanien, 98% in Großbritannien, 79% in Frankreich und 72% in Italien.

Diese eindrucksvolle deutsche Exportleistung der letzten Zeit wird in erster Linie durch Zurückhaltung bei den Lohnerhöhungen erklärt. Aber wie ein Vergleich mit Spanien verdeutlicht, können schnelle Lohnerhöhungen an anderen Orten nicht der einzige Grund sein. Sicherlich stiegen die deutschen Löhne zwischen 2000 und 2008 nur um 19%, verglichen mit 48% in Spanien. Aber nach der Finanzkrise von 2009 kehrten sich die Rollen um. Von 2009 bis 2013 stiegen die Nominallöhne in Deutschland um über 14%, verglichen mit 4% in Spanien. Und trotz des stärkeren Lohnwachstums in Deutschland haben sich die Exporte des Landes schneller erholt als diejenigen Spaniens – und diejenigen aller anderen Länder der Europäischen Union.