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Die Grenzen deutscher Macht

BERLIN – In den zwei Jahren, seit der deutsche Bundespräsident, Außenminister und Verteidigungsminister signalisierten, dass Deutschland in internationalen Fragen eine größere Rolle übernehmen würde, hat die Führung des Landes einen Crashkurs in geopolitischem Realismus erhalten. Zu den Herausforderungen, mit denen Deutschland sich auseinandersetzen musste, gehören die russischen Annexion der Krim, der Konflikt in der Ostukraine, die Explosion Syriens, Terroranschläge in Europa und ein nie dagewesener Zustrom an Flüchtlingen.

Diese Krisen haben Deutschlands internationales Profil enorm gesteigert. Doch trotz Wiedererstehens des Landes als wichtiger Akteur auf der Weltbühne gilt die Einschränkung, dass seine Macht auf der Zusammenarbeit mit seinen Partnern und auf der Entwicklung einer starken, geeinten europäischen Außen- und Sicherheitspolitik beruht.

Deutschlands Übernahme einer aktiveren globalen Rolle spielt sich innerhalb einer im rapiden Wandel begriffenen geopolitischen Landschaft ab, in der die deutsche und andere europäische Regierungen akzeptieren mussten, dass der größte Teil der übrigen Welt ihre Vorliebe für eine multilaterale Entscheidungsfindung nicht teilt. Sie mussten sich zudem mit der Tatsache arrangieren, dass die Vereinigten Staaten nicht länger bereit sind, in jeder Krise die Führung zu übernehmen, und dass aufstrebende globale Mächte – wie China, Indien und Brasilien – noch nicht bereit sind, wirksam zum Erhalt einer stabilen Weltordnung beizutragen.

Zugleich verschwimmen die Trennlinien zwischen nationalen und internationalen Fragen zunehmend. Die Flüchtlingskrise etwa verlangt politisches Eingreifen in so unterschiedlichen Bereichen wie Verteidigung, Entwicklungshilfe, europäischer Integration, nationaler Sicherheit und Sozialpolitik.