George W. Bush, Internationaler Anarchist

Moskau - Russlands Präsident Vladimir Putin rührt beständig die Trommel für seine große diplomatische Idee. Entweder gelingt es den Großmächten, sich gemeinsam auf neue Abkommen über Sicherheit und Rüstungskontrolle zu einigen, so Putin, oder der Welt steht wieder Unsicherheit und das Schreckgespenst eines neuen Rüstungswettlaufs ins Haus. In Putins Vorstellung ist die logische Folge dessen, dass die NATO entweder eine Sicherheitsstruktur annimmt, die für Russland akzeptabel ist oder Europa erneut durch Misstrauen geteilt wird. Das würde zu höheren Ausgaben für die Verteidigungshaushalte führen als notwendig. Die diplomatischen Vorstellungen Putins sind weder mit seinem Ruf als KGB-Apparatschik, den er im Westen inne hat, noch mit seinem internen Ruf als Hardliner in Sachen Verteidigung (geprägt durch den Krieg in Tschetschenien) einfach unter einen Hut zu bringen. Putins Äußerungen über Russlands mögliche Mitgliedschaft in der NATO, die nur kurz nach dem Beschuss Jugoslaviens durch NATO-Flugzeuge erfolgten, sind in Russland wie eine Bombe eingeschlagen. „Wie könnten wir denn da noch der NATO beitreten”, auf friedfertige Art und Weise, fragte sich der normale Russe. Im Westen reagieren die meisten mit Geringschätzung auf diese Vorstellung. Russland als Mitglied der NATO? Absurd. Aber Putin ist es ernst, und er verhält sich auch nicht absurd. Tatsächlich artikuliert er geduldig und beharrlich eine schlüssige Vision, wie die Sicherheitsstruktur nach dem Kalten Krieg aussehen sollte. Und das angesichts des revolutionärsten Vorhabens, mit dem sich die internationale Diplomatie seit der Herrschaft Stalins und Maos auseinandersetzen muss. Was ist das für ein Vorhaben? Und wer ist der Revolutionär? Letzteres ist einfach. Präsident Bushs Absicht, ein amerikanisches Abwehrsystem gegen terroristische Raketenangriffe zu errichten, ist nicht nur eine Herausforderung für das ABM-Abkommen von vor beinahe dreißig Jahren, nicht für die Grundsätze der Rüstungskontrolle allein, sondern für die internationale Sicherheit, ja sogar für die Diplomatie an sich. Die Kernaussage von Bushs Argumentation ist, dass Abkommen und detaillierte Vereinbarungen zur Rüstungskontrolle in einer Welt, in der Russland und Amerika sich nicht länger feindlich gegenüberstehen, überflüssig sind. Die Anhänger Bushs beharren darauf, dass ein detailliert festgelegtes Gleichgewicht der Kräfte etwas für Rivalen ist. Unter Freunden ist das informelle Verständnis der Wünsche der Beteiligten ausreichend. Das ist es natürlich nicht. Der Sinn von Sicherheitsabkommen für gefestigte Demokratien wie in Europa und Amerika, ebenso wie für junge Demokratien wie beispielsweise Russland und Diktaturen wie China, liegt in der Ermöglichung von Vorhersagbarkeit und somit der Verringerung von Vermutungen und dem Risiko von Krieg. Darüber hinaus werden Abkommen nicht einzig und allein unterzeichnet, weil sie den Unterzeichnenden Mittel zur Festlegung und Bestätigung der Verifikation geben, sondern auch weil die Länder außerhalb des Abkommens davon profitieren, dass sie wissen, was sie erwarten können. Wirtschaftswissenschaftler nennen die äußerlichen Vorteile, die solche Verträge wie Abkommen mit sich bringen „reputation effect“, es gilt den guten Ruf zu wahren. Die Wichtigkeit des
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    China’s success in the next five years will depend largely on how well the government manages the tensions underlying its complex agenda. In particular, China’s leaders will need to balance a muscular Communist Party, setting standards and protecting the public interest, with an empowered market, driving the economy into the future.

  2. United States Supreme Court Hisham Ibrahim/Getty Images

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    The preference of some countries to isolate themselves within their borders is anachronistic and self-defeating, but it would be a serious mistake for others, fearing contagion, to respond by imposing strict isolation. Even in states that have succumbed to reductionist discourses, much of the population has not.

  3.  The price of Euro and US dollars Daniel Leal Olivas/Getty Images

    Resurrecting Creditor Adjustment

    When the Bretton Woods Agreement was hashed out in 1944, it was agreed that countries with current-account deficits should be able to limit temporarily purchases of goods from countries running surpluses. In the ensuing 73 years, the so-called "scarce-currency clause" has been largely forgotten; but it may be time to bring it back.

  4. Leaders of the Russian Revolution in Red Square Keystone France/Getty Images

    Trump’s Republican Collaborators

    Republican leaders have a choice: they can either continue to collaborate with President Donald Trump, thereby courting disaster, or they can renounce him, finally putting their country’s democracy ahead of loyalty to their party tribe. They are hardly the first politicians to face such a decision.

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    How Money Could Unblock the Brexit Talks

    With talks on the UK's withdrawal from the EU stalled, negotiators should shift to the temporary “transition” Prime Minister Theresa May officially requested last month. Above all, the negotiators should focus immediately on the British budget contributions that will be required to make an orderly transition possible.

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    In recent decades, as President Vladimir Putin has entrenched his authority, Russia has seemed to be moving backward socially and economically. But while the Kremlin knows that it must reverse this trajectory, genuine reform would be incompatible with the kleptocratic character of Putin’s regime.

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    Rage Against the Elites

    • With the advantage of hindsight, four recent books bring to bear diverse perspectives on the West’s current populist moment. 
    • Taken together, they help us to understand what that moment is and how it arrived, while reminding us that history is contingent, not inevitable


    Global Bookmark

    Distinguished thinkers review the world’s most important new books on politics, economics, and international affairs.

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    As a part of their efforts to roll back the 2010 Dodd-Frank Act, congressional Republicans have approved a measure that would have courts, rather than regulators, oversee megabank bankruptcies. It is now up to the Trump administration to decide if it wants to set the stage for a repeat of the Lehman Brothers collapse in 2008.