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Genetische Eigentumsrechte vor Gericht

LONDON: Seit Anfang Februar 2010 befasst sich ein US-Bundesgericht in New York mit einem Präzedenzfall über die Frage, ob Menschen individuell ein Recht darauf haben, zu wissen, wie ihr eigenes Genom ihre zukünftige Gesundheit bestimmen kann. Der Fall, American Civil Liberties Union vs. Myriad Genetics , könnte enorme Auswirkungen auf Medizin und Naturwissenschaften haben.

Im Mittelpunkt des Verfahrens steht, ob genetische Patente der Forschung helfen oder sie behindern und ob Patienten verpflichtet sein sollten, eine Lizenzgebühr an ein biotechnologisches Unternehmen zu zahlen, um sich auf die Prädisposition für bestimmte Krankheiten testen zu lassen.

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Eine der Klägerinnen ist Lisbeth Ceriani, eine 43-jährige Brustkrebspatientin, deren Ärzte ihr empfahlen, sich auf zwei genetische Mutationen testen zu lassen, die bei bestimmten vererbbaren Formen der Krankheit auftreten. Myriad Genetics, der einzige Anbieter dieses Tests in den USA – das Unternehmen hält ein Patent auf die Gene selbst , nicht nur auf den diagnostischen Test – akzeptierte ihre Versicherung nicht, und Ceriani selbst konnte sich den Test nicht leisten. Sie blieb also, wie ihre Ärzte auch, im Unklaren – mit möglichen Auswirkungen für ihre klinische Betreuung. Fünf weitere Kläger erzählen, gemeinsam mit wichtigen medizinischen Organisationen, ähnliche Geschichten.

Die Gegner genetischer Patente behaupten nun, dass diese Patente Menschen ihre Rechte gemäß der US-Verfassung vorenthielten. Damit wird in diesem Verfahren erstmals ein genetisches Patent aus Menschenrechtsgründen in Frage gestellt. Wie so oft in der Biotechnologie wirft hier etwas, was auf den ersten Blick wie ein abstruses technisches Problem aussieht, viele Fragen auf, die direkt in den Kern unserer Humanität treffen.

Etwa ein Fünftel aller menschlichen Gene ist inzwischen patentiert, und die Mehrzahl dieser Patente wird von Privatunternehmen gehalten. Der aktuelle Fall betrifft zwei derartige Gene, BRCA1 und BRCA2. Frauen mit der „falschen“ Version dieser Gene sind einem erhöhtem Risiko ausgesetzt, an Brustkrebs zu erkranken (bis zu 85%, gegenüber den normalen 12%, auch wenn auf diese Gene nur eine Minderheit aller Brustkrebsfälle entfällt). Auch das Eierstockkrebs-Risiko dieser Frauen ist erhöht.

Myriad Genetics hat auch in Europa versucht, Patentrechte zu erwerben, aber dort wurden seine Ansprüche überwiegend zurückgewiesen. Obwohl die Funktion des Gens bei der Entstehung von Brust- und Eierstockkrebs 1995 von Cancer Research UK entdeckt wurde, argumentiert Myriad, gemeinsam mit fast 30 weiteren Beklagten, dass das Patent der notwendige Lohn für seine Forschungskosten sei. Tatsächlich würde die medizinische Forschung – so die Behauptung der Firma und ihrer Verbündeten – ohne Patentschutz zum Erliegen kommen.

Doch egal, wie berechtigt die Behauptung sein mag, dass genetische Patente der Forschung und medizinischen Behandlung dienen – dies ist ein praktisches und kein juristisches Argument. Um einen rechtlichen „Hebel“ in die Hand zu bekommen, Myriad Genetics zu verklagen, mussten die Kritiker genetischer Patente – darunter die American Medical Association , die American Society of Human Genetics und die American Civil Liberties Union – eine Frage finden, die auf verfassungsrechtlicher Basis entschieden werden konnte. Ihre innovative Strategie besteht darin, sich auf den ersten Verfassungszusatz zu berufen, der u.a. die Rede- und die Religionsfreiheit schützt, und zu argumentieren, dass Patente die Freiheit der Patienten beschränken, auf Informationen zuzugreifen, die uns in die Lage versetzen könnten, unsere Gesundheit zu schützen.

Ein cleveres Argument – doch ist dies wirklich die Quelle des profunden Unbehagens vieler Menschen über das Patentieren von Genen? Bei Gesprächen über ähnliche Fragen, die ich in meinem aktuellen Buch Body Shopping aufgeworfen habe, wurde ich Zeugin vieler schockierter Reaktionen auf die zunehmende Kommodifizierung menschlichen Gewebes – doch keine davon wurde von einer größeren Anzahl von Menschen geteilt als diese: Wie kann man Leben patentieren?

Ist eine genetische Variante ein „Naturprodukt“ oder eine „Entdeckung“? Während die Kläger argumentieren, dass „Gene identifiziert und nicht erfunden werden“, behaupten die Beklagten, dass die Basis des Patentrechts genau das Gegenteil wäre. Sie argumentieren, dass das, was patentiert würde, nicht das Gen sei, so wie es in unseren Körpern vorkommt, sondern vielmehr eine Art „geklonte“ Version, die im Labor produziert würde. Statt „Leben zu patentieren“, so die Unternehmen, patentierten sie etwas, das eher einer Chemikalie entspräche.

Doch wenn dem so ist: Auf welcher Rechtsgrundlage kann man Ceriani dann darüber im Dunkeln lassen, welche Form das Gen in ihrem Körper annimmt? Dies ist nicht bloß für Menschen, die – rechtlich betrachtet in unzutreffender Weise – glauben, dass ihr Körper ihnen gehört (so wie die meisten Menschen es tun), ein Problem. Von ein paar wenigen, beschränkten Ausnahmen abgesehen, gebt es nichts Derartiges wie ein Eigentum an Gewebe, wenn dies Ihren Körper erst einmal verlassen hat. Wir wissen dies aus Fällen wie dem von John Moore, der erfolglos versuchte, Eigentumsrechte an einer wertvollen Zelllinie geltend zu machen, die aus seinen Immunzellen entwickelt wurde.

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Was aber ist mit einem Gen, das meinen Körper nicht verlassen hat? Ist es nicht irgendwie immer noch mein „Eigentum“? Habe ich nicht das Recht, über meinen eigenen Körper zu befinden? Wie kann mir ein gewerbliches Unternehmen nicht nur das Recht verweigern, mein eigenes genetisches Profil zu erfahren, sofern ihm nicht eine Gebühr für den diagnostischen Test bezahle (was vielleicht noch anginge), sondern auch andere Firmen hindern, mir einen ähnlichen Test anzubieten, sofern sie ihm nicht eine Lizenzgebühr zahlen?

Eigentumsrechte gewerblicher Unternehmen am grundlegendsten Element der genetischen Identität eines Menschen sollten nicht durchsetzbar sein. Man muss nicht an genetischen Determinismus glauben, um dieses Argument überzeugend zu finden.