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Geithners Vabanquespiel

LOS ANGELES – Vor kurzem legte der Finanzminister der Vereinigten Staaten Tim Geithner in einem Interview seine Ansichten über das Wesen des Weltwirtschaftswachstums und die Rolle des US-Finanzsektors dar. Es ist eine zutiefst beunruhigende Vision, die auf ein gewaltiges, uninformiertes Vabanquespiel mit der Zukunft der amerikanischen Wirtschaft hinausläuft – und nahelegt, dass Geithner von den hohen Amtsträgern weltweit nach wie vor der eigennützigen Ideologie der großen Banken am meisten verfallen ist.

Geithner behauptet, aufgrund der steigenden Nachfrage nach Finanzprodukten und ‑dienstleistungen in den Schwellenländern werde die Welt nun eine große „Vertiefung der Finanzmärkte“ erleben. Er denkt dabei natürlich an Länder mit „mittlerem Einkommen“ wie Indien, China und Brasilien. Und er betont zu Recht, dass alle fantastische Fortschritte gemacht haben und jetzt großartige Möglichkeiten für die aufstrebende Mittelschicht bieten, die Ersparnisse ansammeln will, sich einfacher Geld leihen können möchte (für Investitionen in die Produktion, Wohnungskäufe, Bildung usw.) und sich im Allgemeinen einen beständigeren Konsum wünscht.

Doch dann macht Geithner einen Sprung. Er will, dass US-Banken bei der Entwicklung der Finanzmärkte dieser Länder die Führung übernehmen. Es lohnt sich, seine Worte ausführlich zu zitieren:

Ich kann mich nicht für den Versuch begeistern … die relative Bedeutung des Finanzsystems in unserer Wirtschaft als Test der Reform zu verringern, denn wir müssen berücksichtigen, dass wir in mehreren Teilen der Welt operieren … Dasselbe gilt für Microsoft oder alle anderen. Wir wollen, dass US-Unternehmen davon profitieren … Finanzunternehmen unterscheiden sich durch das Risiko, aber das kann man mithilfe der Regulierung eindämmen.