7

Arbeit in einer automatisierten Zukunft

LONDON – Neue Innovationen lassen die Grenzen zwischen der physischen, der digitalen und der biologischen Welt immer mehr verschwimmen, und unsere Zukunft wird heute von disruptiven Technologien diktiert. Roboter erobern den Operationssaal und Fast-Food-Restaurants; mithilfe von 3D-Bildgebung und Stammzellengewinnung lassen sich aus den körpereigenen Zellen eines Patienten Knochen züchten, und 3D-Druck fördert eine Kreislaufwirtschaft, in der wir eingesetzte Rohstoffe über den Lebenszyklus eines Produktes hinaus wiederverwerten können.

Dieser „Innovations-Tsunami“ wird die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten und wie unsere Gesellschaften funktionieren grundlegend verändern. Technologien, die den Kinderschuhen entwachsen – etwa in den Bereichen Robotertechnik, Nanotechnologie, Virtuelle Realität, 3D-Druck, Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz und in der modernen Biologie – werden in der vierten industriellen Revolution miteinander verschmelzen. Die kontinuierliche Weiterentwicklung dieser Technologien und ihre breite Anwendung in der Praxis wird alle Wissenschaftszweige, Branchen und Volkswirtschaften ebenso radikal verändern, wie die Art und Weise wie Einzelne, Unternehmen und Gesellschaften Waren und Dienstleistungen produzieren, vertreiben, konsumieren und entsorgen.

Diese Entwicklungen haben bange Fragen aufgeworfen, welche Rolle der Mensch in einer technologisierten Welt spielen wird. Einer Studie der Universität Oxford zufolge könnte fast die Hälfte aller Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten in den nächsten zwanzig Jahren der Automatisierung zum Opfer fallen. Andererseits behaupten Ökonomen wie James Bessen von der Universität Boston, dass Automatisierung oft Hand in Hand mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze geht. Also was ist Sache – neue Arbeitsplätze oder strukturelle Massenarbeitslosigkeit?

Zu diesem Zeitpunkt steht fest, dass die vierte industrielle Revolution die Arbeitswelt fundamental verändern wird, doch in welchem Ausmaß lässt sich bislang noch nicht sagen. Bevor wir all die schlechten Nachrichten verdauen, sollten wir deshalb einen Blick auf die Geschichte werfen, die darauf schließen lässt, dass technologischer Wandel meist das Wesen der Arbeit beeinflusst und weniger die Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung an sich.

Die erste industrielle Revolution hat die bis dato in Heimarbeit erzeugte britische Produktion in Fabriken verlagert und war der Beginn der hierarchischen Organisation. Die berühmten Protestaktionen der Maschinenstürmer Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in England zeugen von den gewalttätigen Auseinandersetzungen, die oft mit diesem Wandel einhergingen. Die Menschen waren gezwungen, ländliche Gegenden zu verlassen, um Arbeit in Industriezentren zu finden und die ersten Arbeiterbewegungen entstanden.

Während der zweiten industriellen Revolution hielten die Nutzung der Elektrizität, die Massenproduktion und neue Transport- und Kommunikationsnetzwerke Einzug; es entstanden neue Berufe, etwa in den Bereichen Maschinenbau, Bankwesen und in der Lehre. Damals bildeten sich die Mittelschichten, die eine neue Sozialpolitik und eine stärkere Rolle des Staates forderten.

Während der dritten industriellen Revolution führten elektronische Entwicklungen und die Informations- und Kommunikationstechnologie zu einer weiteren Automatisierung der Produktionsmethoden, und es kam zu einer Verlagerung vieler Arbeitsplätze in der herstellenden Industrie in den Dienstleistungssektor. Als in den 1970er-Jahren die ersten Geldautomaten in Betrieb genommen wurden, ging man zunächst davon aus, dass die Folgen für Bankangestellte verheerend sein würden. Tatsächlich hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in der Bankenbranche im Lauf der Zeit erhöht, während die Kosten sich verringerten. Die Aufgabenstellung hatte sich geändert: Die Kundenbetreuung ließ die reine Abwicklung von Transaktionen in den Hintergrund treten.

Jede der früheren industriellen Revolutionen war mit Umwälzungen verbunden und das wird auch bei der Industrie 4.0. der Fall sein. Aber wenn wir die Lehren der Geschichte im Hinterkopf behalten, können wir den Wandel meistern. Zunächst einmal müssen wir uns auf Kompetenzen konzentrieren und nicht auf bestimmte Berufsbilder die entstehen oder verschwinden. Wenn wir definieren, welche Fähigkeiten wir brauchen, können wir Arbeitskräfte so aus- und weiterbilden, dass sie alle neuen Möglichkeiten der Technologien zu ihrem Vorteil nutzen können. Personalabteilungen, Bildungseinrichtungen und Regierungen sollten die Verantwortung für diese Aufgabe übernehmen.

Zweitens haben die Erfahrungen aus der Vergangenheit wiederholt gezeigt, dass benachteiligte Schichten geschützt werden müssen. Arbeitskräfte, die Gefahr laufen von der Technologie verdrängt zu werden, brauchen die Zeit und die Mittel, um sich anpassen zu können. Das Jahr 2016 hat uns gezeigt, dass es weitreichende Konsequenzen haben kann, wenn erhebliche Ungleichheit bei den Lebens- und Verwirklichungschancen Menschen zu der Überzeugung gelangen lässt, dass sie keine Zukunft haben.

Zu guter Letzt müssen wir zusammen an der Entwicklung neuer ordnungspolitischer Ökosysteme arbeiten, um zu gewährleisten, dass die vierte industrielle Revolution zu Wirtschaftswachstum führt und für alle Früchte trägt. Dabei wird den Regierungen eine entscheidende Rolle zukommen, aber führende Akteure aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft werden ebenfalls mit Regierungen zusammenarbeiten müssen, um geeignete Regeln und Standards für neue Technologien und Branchen festzulegen.

Ich gebe mich keineswegs der Illusion hin, dass es sich dabei um ein einfaches Unterfangen handelt. Die Politik, nicht die Technologie, wird das Tempo der Veränderung bestimmen, und vor allem in Demokratien wird die Umsetzung der notwendigen Reformen ein schwieriger, zäher Prozess sein. Es braucht eine Mischung aus zukunftsweisender Politikgestaltung, regulatorischen Rahmenbedingungen, die von Dynamik geprägt sind, und vor allem effektive Partnerschaften, die über organisatorische und Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten. Ein gutes Modell könnte das dänische Flexicurity-System sein, das einen flexiblen Arbeitsmarkt mit einem starken sozialen Sicherheitsnetz kombiniert, das Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen für alle Bürger umfasst.

Die Technologie mag sich rasant weiterentwickeln, aber das bedeutet nicht, dass die Zeit aus den Fugen geraten wird. Die umwälzenden, ja revolutionären Veränderungen, die uns bevorstehen, werden über Jahrzehnte und nicht mit einem großen Knall vonstattengehen. Der Einzelne, die Unternehmen und die Gesellschaften haben die Zeit, sich an veränderliche Gegebenheiten anzupassen. Nur die Gestaltung einer Zukunft, von der wir alle profitieren können, duldet keinen Aufschub – damit müssen wir jetzt anfangen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.