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Vom Prager Frühling zur Samtenen Revolution

WARSCHAU – Was war der Prager Frühling? Oder, allgemeiner betrachtet, die Ereignisse von 1969. Ihre Bedeutung ist im Laufe der Zeit, so scheint es, nicht unstrittiger sondern strittiger geworden.

Meine Generation wurde geprägt von Demonstrationen und Polizeiknüppeln, von den Hoffnungen, die nicht nur der Prager Frühling weckte, sondern auch die polnische Studentenbewegung in jenem März, die Ereignisse in Paris vom Mai und die ersten Anzeichen für eine russische Demokratie, die in den frühen Büchern von Sacharow und Solschenizyn Ausdruck fand. Für jene von uns, die in Polen inhaftiert waren, war der Prager Frühling ein Vorbote der Hoffnung. Selbst Polens kommunistische Zeitungen, die wir hinter Gittern lasen, berichteten über die großen Veränderungen, die in unserem südlichen Nachbarland stattfanden.

Deshalb erinnere ich mich an meine Erschütterung, als ich vom sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei im August erfuhr, und an das Traum, das danach noch lange bestehen blieb. Am zehnten Jahrestag dieses Einmarschs trafen sich Václav Havel, Jacek Kuron und ich mit anderen Regimekritikern an der tschechisch-polnischen Grenze. Es gibt ein Foto von diesem Treffen: zukünftige Präsidenten, Minister und Abgeordnete, die damals von der Polizei wie gewöhnliche Kriminelle verfolgt wurden.

Diese Begegnungen waren aus dem Klima des Prager Frühlings entstanden. Wir alle hatten das Gefühl, etwas Neues zu erschaffen, das sich vielleicht eines Tages als ein wichtiger Bestandteil der Demokratie in unseren Ländern erweisen könnte.