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Von Olympia zum Stillstand

PARIS – „Sport und Politik dürfen nicht vermischt werden!“. Dieser trotzige Aufruf der chinesischen Führung angesichts der Drohungen eines Boykotts der Olympischen Sommerspiele in Peking hält einem Realitätstest nicht stand. Sport und Politik waren immer eng miteinander verbunden.

Dazu gibt es unzählige offenkundige Beispiele. Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin wurden von der Nazi-Propaganda ebenso beherrscht wie von sportlichen Ereignissen. Während des Zweiten Weltkriegs trug die „Ping-Pong-Diplomatie“ dazu bei, die offiziellen Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten zu beleben. Im Jahr 1990 formierte man in Deutschland schon vor der Wiedervereinigung ein gemeinsames Olympiateam. 

Besonders naiv ist die Behauptung, dass Politik und Sport heute im Medienzeitalter eher getrennt betrachtet werden können als in der Vergangenheit. Die Olympischen Spiele wurden Peking aus wirtschaftlichen und politischen Gründen zugesprochen und China wollte die Spiele aus eben diesen Gründen. Die gegenwärtigen Spannungen zwischen China und (dem größten Teil) der öffentlichen Meinung im Westen am Vorabend der Spiele in Peking sind das Ergebnis von Unfähigkeit, Heuchelei und legitimer, aber potenziell kontraproduktiver Entrüstung.

Chinas Unfähigkeit im Umgang mit der Krise in Tibet sollte wohl keine Überraschung sein. Das chinesische Regime ist schlicht und einfach Opfer seines eigenen Unvermögens, sich zu reformieren. China sah in den Olympischen Spielen eine symbolische Möglichkeit, seinen neuen Status auf der Welt zu festigen und entsprechend zu zelebrieren. Überrumpelt von den Entwicklungen in Tibet und von der Heftigkeit und Popularität dessen, was man als „anti-chinesische“ Umtriebe beschrieb, hat die chinesische Führung nun Zuflucht bei den traditionellen Werkzeugen autoritärer Regime genommen und dafür gesorgt, den tiefen Nationalismus und die Gefühle der Demütigung bei ihren Bürgern gegen westliche Kritiker zu lenken.