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Reparatur der Innovationslieferkette

CAMBRIDGE – Im Aufbaustudium am Massachusetts Institute of Technology hatte ich Gelegenheit, in einem durch innovatives Denken geprägten Umfeld mit den Professoren Robert Langer und Ram Sasisekharan zu arbeiten. Wir fragten, was möglich sein könnte, und wurden ermutigt, revolutionäre Technologien zu verfolgen, die weithin als Ding der Unmöglichkeit galten. Diese Erfahrung erweckte ein einfaches, aber kraftvolles Credo in mir: dass man sich hohe Ziele stecken muss.

Innovation ist schwierig. Wer bereit ist, die Grenzen zum Unbekannten zu überschreiten, sollte einem Kurs folgen, der die potenziell größte Wirkung verspricht. Meiner Erfahrung nach hat sich bei der Erforschung einer breiten Palette von Themen – Energie, Landwirtschaft, Medizin usw. – eine Strategie als besonders effektiv erwiesen: nämlich beim angestrebten Ziel anzusetzen. Durch Ermittlung der Probleme und Vergegenwärtigung der bevorzugten Lösung kann man eine Reihe von Auflagen festlegen, in die sich die technologische Innovation einpasst, und einen klaren, wenn auch häufig schwierigen Weg zu ihrer Realisierung kartieren.

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Eine Grundvoraussetzung bei einem derartigen Ansatz ist Aufgeschlossenheit: ein durch die spezifischen Dogmen des Gegenstandes unverbautes Denken. Diejenigen, die sich in ein Feld vertieft haben, haben häufig eine feste Vorstellung, was möglich ist und was nicht; diese beruht auf einer wie auch immer gearteten Kombination aus früheren Erfolgen, Zitierhäufigkeiten, aktuellen Wissensbeschränkungen und Faktenlage, und es ist häufig schwer, zwischen diesen Quellen zu unterscheiden. Neueinsteiger freilich, die grundlegende Fragen stellen, bemerken logische Widersprüche, aus denen die wahren Lösungsbeschränkungen und technologischen Grenzen herrühren.

Durchbrüche erwachsen aus der Überschneidung technologischer Möglichkeiten und der Zugkraft der Märkte. Ein Verständnis dieser Kräfte versetzt Innovatoren in die Lage, die Innovationsrichtung zu optimieren. Angesichts wohldefinierter Auflagen lässt sich ein klarer Pfad zur Entwicklung innovativer Technologien planen, der sowohl Bekanntes wie Unbekanntes berücksichtigt. Dieser unkonventionelle Ansatz hat immer wieder bahnbrechende Technologien hervorgebracht, die – wenn sie erfolgreich umgesetzt wurden – ein Feld revolutionieren.

Vielleicht interessanter jedoch ist die Reaktion, die ein derartiger Fortschritt häufig hervorruft: „Das erscheint so offensichtlich. Warum hat das vorher noch nie jemand gemacht?“ Zu Beginn meiner Karriere hat mich diese Reaktion beunruhigt; ich fragte mich, ob ich nicht tatsächlich etwas Offensichtliches übersehen hätte. Doch mit wachsender Erfahrung im Bereich unternehmerischer Innovationen wurde mir klar, dass diese Reaktion auf die Tatsache gründet, dass die meisten Menschen in einer spezifischen Doktrin gefangen sind, die den Blick auf außerhalb ihrer Grenzen liegende innovative Lösungen verstellt.

Unternehmen legen beim Erwerb innovativer Technologien ein ähnliches Verhalten an den Tag: Sie halten an ineffektiven, sie einschränkenden Verfahren fest, obwohl es eine offensichtliche Alternative gibt: die effizienten Systeme, die Hersteller nutzen, um sich Vorleistungen für die Produktion zu sichern. Um einen klaren, risikoarmen Pfad zur Herstellung ihrer Waren zu vorhersehbaren (und rentablen) Kosten zu gewährleisten, setzen Unternehmen Arbeitsgruppen ein, deren Aufgabe es ist, die entsprechenden Lieferketten abzusichern, Lagerbestände zu verwalten, den Fertigungsprozess zu steuern usw. – vom Ursprungsort bis zum Punkt des Konsums.

In vielen Fällen umfasst dies Beziehungen mit einem festen Netz von Lieferanten, mit denen die Hersteller detaillierte Produktspezifikationen teilen. So bekommen die Hersteller genau, was sie brauchen, und die Lieferanten sind imstande, die richtigen Vorleistungen zu erbringen. Das Ergebnis ist eine klar definierte, hochproduktive Arbeitsbeziehung, von der beide Seiten profitieren.

Die Innovationskette dagegen (der Prozess, mittels dessen Unternehmen künftige Produkte erwerben und/oder entwickeln und ihre aktuellen Produkte verbessern) ist tendenziell durch Ineffizienz, Unklarheit und Konkurrenz geprägt. Und in vielen Fällen besteht dabei keine Lieferkette.

Die meisten Pharmaunternehmen etwa haben keine effektiven Innovationslieferketten. Doch nur rund 15% der Medikamente, die in letzter Zeit von der US-Arzneimittelaufsicht FDA genehmigt wurden, wurden auch von dem Unternehmen entwickelt, das sie vermarktet und verkauft. Das heißt, viele große Pharmaunternehmen sind für ihre Produkte vom Innovationsökosystem abhängig.

Die Arzneimittelunternehmen jammern oft, dass die Firmen, von denen sie Innovationen beziehen, keine klinischen Tests nach ihren Spezifikationen durchführen, und dass sie daher gezwungen seien, die Arbeit zu wiederholen. Trotzdem sträuben sie sich, diesen Firmen derartige Spezifikationen vorab zur Verfügung zu stellen – selbst wenn die Innovatoren darum bitten –, möglicherweise, um ihre Marktstellung oder eigenen Bemühungen zu schützen. Zudem sind dieselben Unternehmen direkte Konkurrenten bei der Lieferung innovativer Technologien. Das Ergebnis ist eine defekte Lieferkette.

Genau wie einzelne Innovatoren herkömmliche Vorstellungen in Frage stellen müssen, müssen die Unternehmen ihren hergebrachten Ansatz in Bezug auf die Lieferkette durch einen ersetzen, der stärker der Weise ähnelt, wie sie ihre Fertigungslieferkette erstellen und pflegen. Sind die etablierten Marktteilnehmer bereit, „Innovationsspezifikationen“ weiterzugeben (nicht zu verwechseln mit Innovationsmethoden), können sie ein effektives Netz von Innovationsanbietern aufbauen und so die Zuverlässigkeit des Produktentwicklungsmotors steigern. Und wie bei effektiven Fertigungslieferketten müssen Lieferant und Käufer eine Beziehung auf Gegenseitigkeit eingehen, in deren Rahmen sie bei den speziellen Tätigkeiten, die sie ausüben, weder praktisch noch wirtschaftlich konkurrieren.

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Eine effiziente Lieferkette kann die Innovation auf Unternehmens- wie auf Branchenebene völlig verändern. Tatsächlich kommt für alle möglichen Arten der Innovation ein gemeinsamer Ansatz zur Anwendung: die Ermittlung der Marktanforderungen, ihre Verknüpfung mit Lösungsauflagen und das Hinausschieben der Grenzen des gegenwärtigen Denkens. Mit einem entlang dieser Linien organisierten Innovationsökosystem könnten „offensichtliche“ Fortschritte sehr viel schneller erfolgen. Wie offensichtlich ist das?

Aus dem Englischen von Jan Doolan