nye208_wenjin chen_world order Wenjin Chen/Getty Images

Postpandemische Geopolitik

CAMBRIDGE – Es gibt keine singuläre Zukunft – bis sie eintritt –, und jeder Versuch, sich die Geopolitik im Gefolge der COVID-19-Pandemie vorzustellen, muss ein Spektrum möglicher Zukünfte umfassen. Ich sehe fünf plausible Zukünfte für 2030, doch weitere sind offensichtlich denkbar.

Das Ende der globalisierten liberalen Ordnung: Die von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg begründete Weltordnung schuf einen Institutionsrahmen, der zu einer bemerkenswerten Liberalisierung des internationalen Handels- und Finanzwesens führte. Selbst vor Ausbruch der COVID-19-Pandemie wurde diese Ordnung durch den Aufstieg Chinas und die Zunahme des Populismus in den westlichen Demokratien in Frage gestellt. China hat von der bestehenden Ordnung profitiert, doch je stärker sein strategisches Gewicht wächst, desto mehr beharrt es darauf, Standards und Regeln festzulegen. Die USA leisten dem Widerstand, Institutionen verkümmern, und Appelle an die Souveränität nehmen zu. Die USA verbleiben außerhalb der Weltgesundheitsorganisation und des Pariser Klimaabkommens. COVID-19 trägt zur Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios bei, indem es die USA als „Systemmanager“ schwächt.

Eine autoritäre Herausforderung im Stil der 1930er Jahre: Massenarbeitslosigkeit, zunehmende Ungleichheit und die Destabilisierung der Gesellschaft durch pandemiebedingte wirtschaftliche Veränderungen schaffen günstige Voraussetzungen für eine autoritäre Politik. Es herrscht kein Mangel an politischen Entrepreneuren, die bereit sind, sich zum eigenen Machtgewinn eines nationalistischen Populismus zu bedienen. Nativismus und Protektionismus nehmen zu. Es werden vermehrt Zölle und Quoten auf Waren und Zuwanderung eingeführt, und Einwanderer und Flüchtlinge entwickeln sich zu Sündenböcken. Autoritäre Staaten bemühen sich, regionale Interessenssphären zu konsolidieren, und verschiedene Arten von Interventionen erhöhen die Gefahr gewaltsamer Konflikte. Einige dieser Trends zeichneten sich schon vor 2020 ab, doch die durch das Versagen bei der Bewältigung der COVID-19-Pandemie bedingten schlechten Aussichten für eine wirtschaftliche Erholung steigern die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios.

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