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Sechs Merkmale des Desinformationszeitalters

MENLO PARK, KALIFORNIEN – Die Sorge über die Verbreitung von Desinformationen, Fehlinformationen und Propaganda hat einen Punkt erreicht, wo viele Regierungen neue Gesetze vorschlagen. Doch spiegeln die angebotenen Lösungen ein unzureichendes Problembewusstsein wider und könnten unbeabsichtigte negative Folgen haben.

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Im vergangenen Juni verabschiedete der Deutsche Bundestag ein Gesetz, das Geldstrafen von bis zu 50 Millionen Euro für beliebte Websites wie Facebook und YouTube vorsieht, wenn diese es versäumen, „offensichtlich rechtswidrige“ Inhalte wie Hassreden und Anstachelungen zur Gewalt innerhalb von 24 Stunden zu entfernen. Singapur hat Pläne zur Einführung eines ähnlichen Gesetzes im nächsten Jahr angekündigt, um „Fake News“ zu bekämpfen.

Im Juli hat der US-Kongress weitreichende Sanktionen gegen Russland gebilligt, und zwar teilweise in Reaktion auf dessen mutmaßliche Förderung von Desinformationskampagnen zur Beeinflussung der US-Wahlen. Der Dialog zwischen dem US-Kongress und Facebook, Twitter und Google hat sich in den letzten Wochen interveniert, nachdem eindeutige Belege für den Kauf von Wahlkampfanzeigen durch russische Stellen auftauchten.

Derartige Maßnahmen sind lebenswichtig, wenn wir den Teufelskreis aus Desinformationen und politischer Polarisierung durchbrechen wollen, der die Funktionsfähigkeit der Demokratien untergräbt. Doch während alle diese Interventionen durch den Gesetzgeber digitale Plattformen ins Visier nehmen, lassen sie häufig mindestens sechs Weisen unberücksichtigt, auf die sich die heutige Desinformation und Propaganda von jener vergangener Tage unterscheidet.

Zunächst einmal ist da die Demokratisierung der Informationserstellung und -verbreitung. Wie der ehemals bei der US-amerikanischen Defense Advanced Research Projects Agency tätige Rand Waltzman kürzlich bemerkte, können Einzelne oder Gruppen heute mit einer großen Zahl anderer Nutzer online kommunizieren und diese beeinflussen. Dies hat seine Vorteile, ist jedoch zugleich mit ernsten Risiken verbunden – beginnend mit dem Verlust journalistischer Qualitätsstandards wie jenen, die normalerweise innerhalb etablierter Medienorganisationen durchgesetzt werden. Ohne traditionelle institutionelle Medien, die eine Türsteherfunktion ausüben, beruht der politische Diskurs nicht länger auf einer gemeinsamen Faktengrundlage.

Das zweite Merkmal des digitalen Informationszeitalters – ein unmittelbares Beiprodukt der Demokratisierung – ist die Sozialisierung der Informationen. Statt unsere Informationen direkt von institutionellen Medien zu erhalten, die sich trotz häufig mangelhafter Umsetzung prinzipiell für die Einhaltung redaktioneller Standards engagierten, erwerben wir sie heute von anderen Nutzern durch Peer-to-Peer-Sharing.

Derartige Peer-Netzwerke verbreiten Inhalte möglicherweise auf der Basis von Klicks oder dem Engagement von Freunden statt aufgrund ihrer Richtigkeit oder Relevanz. Zudem können Informationen, die durch Freundesnetze gefiltert werden, zu einem Hallraum von Nachrichten führen, der die eigene Voreingenommenheit verstärkt (obwohl erhebliche Unsicherheit darüber besteht, ein wie ernstes Problem dies ist). Sie haben außerdem zur Folge, dass Menschen, die Nachrichten ansonsten in Maßen konsumieren würden, mit politischer Polemik und Debatte einschließlich von Extrempositionen und Falschheiten überschwemmt werden, was das Risiko der Falschinformation oder Polarisierung breiterer Bevölkerungsgruppen birgt.

Das dritte Element der heutigen Informationslandschaft ist die Atomisierung – die Entkoppelung einzelner Nachrichtenmeldungen von einer Marke oder Quelle. Früher konnten Leser problemlos zwischen nicht glaubwürdigen Quellen wie den bunten Sensationsblättern an der Ladenkasse im Supermarkt und glaubwürdigen Quellen wie lange etablierten lokalen oder nationalen Zeitungen unterscheiden. Heute dagegen sieht ein Artikel aus der New York Times, den man von einem Freund oder Familienmitglied bekommt, möglicherweise nicht viel anders aus als einer aus dem Blog eines Verschwörungstheoretikers. Und wie eine aktuelle Untersuchung des American Press Institute festgestellt hat, ist die Originalquelle eines Artikels den Lesern weniger wichtig als die Person innerhalb ihres Netzwerks, die den Link teilt.

Das vierte Element, das im Kampf gegen Desinformation zu beachten ist, ist die Anonymität bei der Erstellung und Verbreitung von Informationen. Online-Nachrichten fehlt häufig nicht nur eine Marke, sondern auch eine Verfasserangabe. Dies verschleiert potenzielle Interessenkonflikte, verschafft staatlichen Akteuren, die in ausländischen Informationsumfeldern intervenieren, die Möglichkeit, dies abzustreiten, und schafft einen fruchtbaren Boden für Bots.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2015 hat ergeben, dass Bots für etwa 50% aller Datenströme im Web verantwortlich sind und dass bis zu 50 Millionen Twitter-Nutzer und 137 Millionen Facebook-Nutzer ein nicht menschentypisches Verhalten zeigen. Natürlich gibt es auch „gute“ Bots, die Kundendienst leisten oder aktuelle Wetterinformationen bereitstellen. Doch es gibt außerdem jede Menge übler Akteure, die Online-Informationssysteme manipulieren, um extreme Ansichten und unpräzise Informationen zu verbreiten, indem sie ihnen den Anschein von mainstreamartiger Beliebtheit und Akzeptanz geben.

Fünftens ist das heutige Informationsumfeld durch Personalisierung gekennzeichnet. Anders als Printmedien, Radio oder selbst das Fernsehen können die Ersteller von Internetinhalten diese in Echtzeit A/B-Tests unterziehen und auf kleine, präzise Zielgruppen zuschneiden.

„Durch Nutzung automatisierter Gefühlsmanipulation im Verbund mit Schwärmen von Bots, ‚Dark Posts‘ auf Facebook, A/B-Tests und Fake-News-Netzwerken“, so ein aktuelles Exposé, können Gruppen wie Cambridge Analytica personalisierte, anpassungsfähige und letztlich suchterregende Propaganda erstellen. Donald Trumps Wahlkampfteam maß die Reaktionen auf 40-50.000 Varianten von Werbeanzeigen pro Tag und schnitt diese dann maßgerecht auf einzelne Zielgruppen zu.

Das letzte Element, das das heutige Informations-Ökosystem von dem der Vergangenheit unterscheidet, ist, wie Nate Persily, Rechtsprofessor an der Universität Stanford festgestellt hat, die Souveränität. Anders als Fernsehen, Printmedien und Radio regulieren sich Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Twitter selbst, und das nicht besonders gut. Trotz der Kontroversen der letzten Wochen über Wahlkampfanzeigen in den USA hat bisher keine der beiden Plattformen führende Experten hinzugezogen, statt zu versuchen, die Probleme intern zu lösen. Facebook hat überhaupt erst Mitte September zugestimmt, Informationen über politische Wahlkampfanzeigen zu übermitteln, und weigert sich nach wie vor, Daten über andere Formen der Desinformation vorzulegen.

Es ist dieser Mangel an Daten, der Reaktionen auf die Verbreitung von Desinformationen und Propaganda untergräbt – von der politischen Polarisierung und dem Tribalismus, welche diese anheizen, gar nicht zu reden. Hauptschuldiger ist an dieser Stelle Facebook: Mit durchschnittlich 1,32 Milliarden aktiven Nutzern täglich hat es enormen Einfluss, doch das Unternehmen weigert sich, externen Wissenschaftlern Zugriff auf die Informationen zu gewähren, die diese brauchen, um grundlegendste Fragen an der Schnittstelle zwischen Internet und Politik zu verstehen. (Twitter teilt Daten mit Wissenschaftlern, aber es bleibt eine Ausnahme.)

Wir leben in einer schönen neuen Welt der Desinformation. Solange nur deren Verbreiter über die Daten verfügen, um diese zu begreifen, werden die von uns entwickelten Antworten darauf unzureichend bleiben. Und in dem Umfang, in dem sie wenig zielgerichtet erfolgen, könnten sie sogar mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/d0CS6hp/de;

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