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Der Glaube in Zeiten der Globalisierung

LONDON: Viele Jahre lang ging man, jedenfalls im Westen, davon aus, dass mit fortschreitender Entwicklung der Gesellschaft die Religion verkümmern würde. Das aber ist nicht passiert, und mit Beginn des neuen Jahrzehnts ist es daher Zeit, dass die Politik die Religion ernst nimmt.

Die Anzahl der Menschen, die ihren Glauben verkünden, wächst weltweit. In der islamischen Welt ist dies eindeutig. Während in Europa die Geburtenrate stagniert, wird sich die arabische Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln, und die Bevölkerungen vieler mehrheitlich muslimischer Länder wachsen. Aber auch die Zahl der Christen nimmt zu – auf merkwürdige Weise und an überraschenden Orten.

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Den größten Zugang verzeichnet die Religion in China. Tatsächlich lohnt es sich, über die Religiosität Chinas nachzudenken. Es gibt mehr Muslime in China als in Europa, mehr praktizierende Protestanten als in England und mehr praktizierende Katholiken als in Italien. Darüber hinaus bezeichnen sich laut jüngsten Umfragen etwa 100 Millionen Chinesen als Buddhisten. Und natürlich wird auch der Konfuzianismus – eher eine Philosophie als eine Religion – zutiefst verehrt.

Es gibt eine enorme christliche Erweckungsbewegung in Brasilien und Mexiko. Für viele Menschen in den Vereinigten Staaten bleibt der Glaube ein zentraler Aspekt ihres Lebens. Selbst in Europa bleibt die Zahl jener, die sich zum Glauben an Gott bekennen, hoch. Und natürlich gibt es hunderte von Millionen von Hindus und eine noch immer erhebliche Anzahl von Sikhs und Juden.

Diese Gläubigen vollbringen, auf der Grundlage ihres Glaubens, großartige Leistungen. Etwa 40% der Gesundheitsversorgung in Afrika wird von religiösen Organisationen erbracht. Muslimische, jüdische und Hinduhilfsgruppen sind weltweit bei der Bekämpfung von Armut und Krankheit aktiv. In allen entwickelten Ländern können Sie feststellen, dass Menschen unter dem Einfluss ihres Glaubens selbstlose Pflege für Behinderte, Sterbende, im Elend Lebende und Benachteiligte leisten. All diesen großen Religionen gemein ist die Liebe zum Nächsten und die Gleichheit aller vor Gott.

Leider ist Mitleid nicht der einzige Zusammenhang, in dem die Religion die Menschen motiviert. Sie kann auch Extremismus und sogar Terrorismus fördern. Dies ist dort der Fall, wo der Glaube in Abgrenzung gegenüber jenen, die ihn nicht teilen, zum identitätsstiftenden Kennzeichen wir – zu einer Art spirituellem Nationalismus, der alle, die damit nicht übereinstimmen (selbst jene innerhalb eines Glaubens, die eine andere Sicht desselben leben) als Ungläubige, Ketzer und daher als Feinde betrachtet.

Zu einem gewissen Grad war dies schon immer so. Was sich geändert hat, ist der Druck der Globalisierung, der die Menschen der Welt, während die Technologie fortschreitet und die Welt schrumpfen lässt, immer enger zusammendrückt. Kinder, die vor 50 Jahren aufwuchsen, trafen kaum einmal jemand mit einem anderen kulturellen oder religiösen Hintergrund. Wenn ich heute mit meinem 10-jährigen Sohn auf dem Spielplatz stehe oder mir bei einer Geburtstagsfeier seine Freunde ansehe, finde ich eine Unzahl verschiedener Sprachen, Glaubensrichtungen und Hautfarben.

Ich persönlich finde dies erfreulich. Aber eine derartige Welt erfordert gegenseitigen Respekt, der an die Stelle gegenseitigen Misstrauens treten muss. Eine solche Welt stellt Traditionen auf den Kopf und fordert altes Denken heraus und zwingt uns, uns bewusst für oder gegen sie zu entscheiden.

Und hier liegt das Problem: Für manche ist das eine Bedrohung, insbesondere für tief konservative Gesellschaften. Und für jene, denen die Religion wichtig ist, kann die Globalisierung manchmal mit einem aggressive Säkularismus oder Hedonismus einhergehen, bei dem vielen unbehaglich wird.

Also müssen wir verstehen lernen, wie die Welt des Glaubens mit dem Zwangsprozess der Globalisierung interagiert. Doch es ist erstaunlich, wie wenig politische Zeit oder Energie wir dafür aufwenden. Die meisten Konflikte in unserer heutigen Welt haben eine religiöse Dimension. Der auf einer Perversion des Islam basierende Extremismus lässt keine Anzeichen des Abklingens erkennen; in der Tat wird er nicht nachlassen, solange man ihm nicht nur durch Sicherheitsmaßnahmen, sondern auch auf der Ebene der Religion entgegentritt.

Dieser Extremismus erzeugt langsam aber sicher eine eigene Reaktion, wie wir an den Stimmengewinnen der islamophoben Parteien innerhalb Europas und den Äußerungen führender europäischer Politiker, wonach der Multikulturalismus gescheitert sei, erkennen können.

Natürlich war die Religion im Laufe der Geschichte häufig Teil eines politischen Konfliktes. Aber das heißt nicht, dass man die Religion abschreiben sollte. Im Gegenteil, es erfordert einen besonderen Fokus. Ich erkenne dies sehr deutlich, weil ich so viel Zeit in Jerusalem verbringe, wo – im Osten und Westen der Stadt – eine klare Zunahme der Religiosität zu verzeichnen ist.

Ich habe meine Stiftung, die Faith Foundation, genau aus dem Grunde ins Leben gerufen, ein besseres Verständnis zwischen den Religionen zu fördern. Meine Gründe dafür sind einfach. Jene, die im Namen der Religion für den Extremismus eintreten, sind aktiv, verfügen über erhebliche Mittel und sind – ungeachtet der reaktionären Beschaffenheit ihres Denkens – brillant im Einsatz moderner Kommunikationsmittel und Technologien. Wir schätzen, dass jedes Jahr buchstäblich Milliarden von Dollars zur Förderung dieser Sicht der Religion eingesetzt werden.

Daher umfasst meine Stiftung ein inzwischen in neun Ländern angelaufenes Universitätsprogramm, das darauf ausgelegt ist, die Religion aus der Ecke der Religionsschulen herauszuholen und ihre Rolle innerhalb der heutigen Welt zu analysieren. Wir haben noch ein anderes Programm – in 15 Ländern, und es dürften bald mehr werden –, das Schüler an weiterführenden Schulen überall auf der Welt durch interaktive Technologien verbindet, damit sie ihren Glauben und das, was er für sie bedeutet, diskutieren. Und wir haben ein Aktionsprogramm eingerichtet. durch das junge Leute mit Andersgläubigen zusammenarbeiten, um das Bewusstsein für die Millenniumziele, das von der UNO geleitete Programm zur Armutsbekämpfung, zu stärken.

Wir sind nur eine Organisation. Es gibt noch andere, die gerade die Arbeit aufnehmen. Doch die Regierungen sollten anfangen, dies sehr viel ernster zu nehmen. Das Bündnis der Zivilisationen, das von Spanien und der Türkei ins Leben gerufen wurde, ist ein Beispiel. Auch der König von Saudi-Arabien hat in diesem Bereich große Führungsstärke gezeigt. Doch kann es hier nicht bloß darum gehen, „die da oben“ zusammenzubringen. Man muss damit hinunter zu den Graswurzeln der Nationen gehen, insbesondere den Medien für Jugendliche.

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Und schließlich müssen die Religionsführer eine neue Verantwortung akzeptieren: fest und entschlossen für den Respekt gegenüber Menschen anderen Glaubens einzutreten. Aggressive Säkularisten und Extremisten nähren sich gegenseitig. Zusammen stellen sie für gläubige Menschen eine echte Herausforderung dar. Wir müssen den liebenden Charakter wahren Glaubens demonstrieren; ansonsten wird die Religion durch einen Kampf definiert, in dem Extremisten die Kontrolle über die Glaubensgemeinschaften ergreifen und die Säkularisten behaupten, dass eine derartige Einstellung für die Religion wesenhaft sei.

Das wäre eine Tragödie. Denn mehr als alles andere kann der Glauben in dieser Zeit der Globalisierung Vernunft und Fortschritt verkörpern. Die Religion stirbt nicht; und sie sollte es auch nicht. Die Welt braucht den Glauben.