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Das Problem mit Nordkorea

NEW YORK – Wären da nicht die Atomwaffen, würde sich kein Mensch groß um Nordkorea kümmern – ein kleines isoliertes Land mit 24 Millionen Einwohnern, das von einer grotesken, sich selbst als kommunistisch bezeichnenden Dynastie beherrscht wird.  Der gegenwärtige Führer des Landes, Kim Jong Un, 30-jähriger Enkel des Staatsgründers und „Großen Führers“, droht nun Seoul, die wohlhabende und pulsierende Hauptstadt Südkoreas in ein „Feuermeer“ zu verwandeln. Auch amerikanische Militärbasen in Asien und im Pazifik finden sich auf seiner Liste der Angriffsziele.

Kim weiß ganz genau, dass ein Krieg gegen die Vereinigten Staaten wahrscheinlich die Zerstörung Nordkoreas bedeuten würde, das eines der ärmsten Länder dieser Welt ist. Seiner Regierung gelingt es nicht einmal, das eigene Volk zu ernähren, das regelmäßig von Hungersnöten heimgesucht wird. In der Vorzeige-Hauptstadt Pjöngjang gibt es nicht einmal genug Strom, um die größten Hotels zu erleuchten. Die Drohung mit einem Angriff auf das mächtigste Land der Welt erscheint daher als eine Wahnsinnstat.

Doch die Annahme Kim Jong Un und seine Militärberater seien Wahnsinnige, ist weder zweckdienlich noch plausibel. Natürlich ist das politische System Nordkoreas derangiert. Die Tyrannei der Familie Kim beruht auf einer Mixtur aus ideologischem Fanatismus, bösartiger Realpolitik und Paranoia. Doch diese tödliche Mischung hat eine Geschichte, die es zu erklären gilt.

Die jüngere Geschichte Nordkoreas ist ziemlich simpel. Nach dem Zusammenbruch des Japanischen Kaiserreichs, das von 1910 bis 1945 brutal über Korea geherrscht hatte, besetzte die sowjetische Rote Armee den Norden und die USA den Süden des Landes. Aus einem Armeelager in Wladiwostok suchten die Sowjets einen relativ unbekannten koreanischen Kommunisten aus, Kim Il Sung, den sie in Pjöngjang als nordkoreanischen Führer einsetzten. Schon bald danach rankten sich Mythen um seine Heldentaten im Krieg und seinen göttlichen Status, aus denen sich ein Personenkult entwickelte.