33

Europas Schicksalsfrage

BERLIN – In seiner letzten Rede vor dem europäischen Parlament im Jahr 1995 fand der französische Präsident Francois Mitterrand, bereits vom Tode gezeichnet, folgende denkwürdigen Worte, um das europäische Erzübel zu charakterisieren: „Le nationalisme, c’est la guerre!“

Mit diesen gleichermaßen schlichten wie einprägsamen Worten fasste er seine gesamte politische Lebenserfahrung zusammen, und er bezog diese Aussage nicht nur auf die Vergangenheit, auf jene schreckliche erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren zwei Weltkriegen in Europa, mit Diktaturen und der Shoah, sondern er sah darin auch die anhaltende große Gefahr für Europas Zukunft in Frieden, Demokratie und Sicherheit.

Kaum jemand aber, der dem französischen Präsidenten damals im Straßburger Parlament zugehört hatte, dürfte damals gedacht haben, dass 21 Jahre später der Nationalismus unter fast allen Nationen Europas wieder fröhliche Urstände feiern und sich erneut scheinbar unangefochten auf der Siegerstraße in demokratischen Wahlen bewegen würde und dabei die Zerstörung der europäischen Einheit und friedlichen Integration zu seinem erklärten Ziel ausgerufen hat.

Der britische Austritt aus der EU kennzeichnet den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung. Man könnte hier auch noch die aktuelle Lage in Ungarn und Polen hinzufügen und die ernste Gefahr, die von Marine Le Pen und ihrem „Front National“ bei den kommenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich im kommenden Jahr ausgeht. Wie konnte es soweit kommen? Nach all den empirischen Erfahrungen Europas mit der zerstörerischen Kraft des Nationalismus im 20. Jahrhundert, nach all den zig Millionen Toten und der Verheerung des gesamten Kontinents?