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Das Abschmelzen der Wissenschaften in Europa

Nach dem Zweiten Weltkrieg stimmten die meisten Europäer überein, dass die wissenschaftliche Forschung nicht nur ihren Volkswirtschaften Auftrieb verleihen, sondern auch zu größerer technologischer Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten führen und als Katalysator sozialen Wandels wirken würde. Die britische Royal Society sprach sich mit der Begründung, dass die Solidarität der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaften zur Versöhnung ehemaliger Feinde betragen würde, für die Schaffung der deutschen Max-Planck-Gesellschaft aus. Das Ergebnis waren Großprojekte wie das Europäische Zentrum für Nuklearforschung (CERN), die Europäische Weltraumagentur (ESA) und die Europäische Organisation für Molekularbiologie (EMBO), die die europäischen Forschungsanstrengungen in der Grundlagenforschung bündeln helfen sollten.

Heute jedoch befinden sich die Wissenschaften in nahezu allen europäischen Ländern im Niedergang (Schweden, Finnland und Island sind die Ausnahmen). Dies ist eine Vergeudung vorhandener Talente und macht die Wissenschaften für junge Leute unattraktiv. In den USA erhalten europäische Nachwuchswissenschaftler durchschnittlich zweieinhalbmal so viel Forschungshilfe wie in Europa. Es kann daher nicht überraschen, dass inzwischen die qualifiziertesten Köpfe abwandern. Tatsächlich kommen in Europa auf 1.000 Einwohner lediglich fünf naturwissenschaftliche Forschungskräfte; in den USA sind es acht und in Japan neun. Trotz seiner ausgeprägten naturwissenschaftlichen Tradition sind die Zahlen für Mitteleuropa sogar noch schlechter, und die Kosten der EU-Integration dürften eine weitere Verlagerung der Prioritäten weg von Wissenschaft und Bildung zur Folge haben.

Auch etablierte Forscher leiden unter schrumpfenden Budgets. In den Life-Sciences beispielsweise finden es Stiftungen inzwischen schwierig, hoch qualifizierte Europäer zu finden, denen sie Förderpreise verleihen können. Dies liegt nicht an der schlechteren wissenschaftlichen Qualität, sondern an dem höheren Niveau nachhaltiger Förderung, das amerikanischen Teamleitern zur Verfügung steht, um neue Ideen in Entdeckungen umzusetzen.

Massive Investitionen im Militärbereich und im Gesundheitswesen seitens der US-Regierung haben eine kritische Masse an Research hervorgebracht, die ihrerseits private Fördermittel anzieht – darunter auch von europäischen Unternehmen, insbesondere aus der Pharmaindustrie. Etwas Ähnliches kann auch in Europa funktionieren – und tut es bereits: In Finnland etwa haben zehn Jahre nachhaltiger öffentlicher Förderung nun private Investitionen ausgelöst und führen zu regelmäßigen Anstiegen der Forschungs- und Entwicklungsbudgets.