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Europas ängstliche Einheimische

PARIS – Ein Volksentscheid in der Schweiz verbietet den Bau neuer Minarette. Rassistische Gewalt explodiert in der süditalienischen Region Kalabrien. Eine intensive und kontroverse Debatte über das Problem der nationalen Identität findet in Frankreich statt. Diese Ereignisse haben wenig gemeinsam, dennoch deuten sie alle auf einen zunehmenden europäischen Trend hin.

Mehr denn je in den letzten Jahrzehnten wird Angst zur beherrschenden Kraft in der europäischen Politik. Und es handelt sich nicht um eine abstrakte, undefinierte Angst: Es geht vor allem um die Angst vor den nichteuropäischen „Anderen“, die von immer mehr „weißen“ Europäern als Bedrohung für unsere europäischen Identitäten und unsere Lebensart wahrgenommen werden, wenn nicht gar für unsere physische Sicherheit und unsere Arbeitsplätze.

Im Mittelpunkt dieser Debatten steht das Thema Islam und Einwanderung. Der Erfolg von Christopher Caldwells neuerem Essay „Reflections on the Revolution in Europe“ (Betrachtungen über die Revolution in Europa) weist auf diese zunehmende Angst vor der „Islamisierung“ hin – eine Angst, die durch die destabilisierenden Folgen wirtschaftlich schwerer Zeiten verschärft wird.

Das Beispiel Frankreichs ist interessant, da das Land den Konjunkturrückgang etwas besser als die meisten anderen verkraftet hat, dank seines gut funktionierenden Wohlfahrtsstaats. Doch sind die Konservativen nervös, dass die Regionalwahlen, die in zwei Monaten abgehalten werden sollen, zu einem Referendum über ihre Regierung werden könnten. Daher kommt die von Präsident Nicolas Sarkozy entfachte Debatte über nationale Identität alles andere als zufällig.