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Ein sichererer Weg zum Asyl

LONDON – Im Jahr 2014 haben über 190.000 Menschen ihr Leben riskiert, um das Mittelmeer von Nordafrika nach Europa zu durchqueren. Etwa 3.500 haben das Glücksspiel verloren und sind bei dem Versuch, die zurzeit tödlichste Grenze der Welt zu überqueren, gestorben. Zweifellos haben einige von ihnen diese gefährliche Reise einfach deshalb unternommen, um besser bezahlte Arbeit zu finden. Aber die Herkunftsländer der Reisenden legen nahe, dass viele von ihnen keine Wirtschaftsflüchtlinge sind, sondern politische Flüchtlinge.

Die meisten derjenigen, die letztes Jahr das Mittelmeer überquert haben, kommen aus Eritrea oder Syrien. Viele wurden in ihren ursprünglichen Zielländern vom Flüchtlingsbüro der Vereinten Nationen (UNHCR) offiziell als Flüchtlinge anerkannt. Etwa 90% der Menschen, die in Europa Asyl beantragen, wurde irgendeine Art von Schutz gewährt – ein weiteres Indiz für ihren Status als tatsächliche Flüchtlinge.

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Es wird Zeit, dass die Europäische Union die Diskussion über die Krise im Mittelmeer von ihrer allgemeinen Einwanderungsdebatte trennt. Die Ereignisse an der Südgrenze der EU erfordern andere Maßnahmen, Begriffe und Antworten als die freiwillige Migration Arbeitssuchender zwischen einem sicheren Land und einem anderen. Im Zentrum der Diskussion muss die Verpflichtung der europäischen Länder im Rahmen der internationalen Flüchtlingsgesetze stehen.

Am Schicksal derer, die beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, sterben, trägt die Politik der EU und ihrer Mitgliedstaaten die Schuld. Der Versuch, Flüchtlinge fernzuhalten, hat die Anzahl derer, denen in Europa Asyl gewährt wurde, nicht verringert. Er hat lediglich den Prozess der Anerkennung willkürlicher und gefährlicher gemacht.

Alle Länder Europas haben internationale Abkommen unterzeichnet, die das Recht von Flüchtlingen auf die Beantragung von Asyl bestätigen und verhindern, dass Menschen gewaltsam in Länder zurückgeschickt werden, in denen sie nicht sicher sind. Aber trotz der Aufrufe der Mittelmeer-Anrainerstaaten, Systeme zur Verbesserung der Krisenbewältigung und Lastenverteilung zu entwickeln, wird wenig getan, um Flüchtlingen mehr Sicherheit zu gewähren oder ihren Zielländern ihre Aufnahme zu erleichtern.

Die meisten Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak werden von ihren Nachbarländern aufgenommen, und das UNHCR hat bei der Aufgabe, einigen der bedürftigsten von ihnen die Weiterreise zu ermöglichen, um Unterstützung gebeten. Bis jetzt allerdings war die Reaktion der Länder, die die Aufnahme von Flüchtlingen am leichtesten bewältigen könnten, enttäuschend. Schlimmer noch ist, dass viele von denen, die noch vor wenigen Jahren leicht die Erlaubnis erhalten hätten, in Europa zu studieren, zu arbeiten oder Verwandte zu besuchen, heute aufgrund ihres Flüchtlingsstatus Visa verweigert bekommen.

Von Asylbewerbern sollte nicht verlangt werden, dass sie Wüsten durchqueren, von Schleppern missbraucht werden, geschlagen, vergewaltigt und ausgebeutet werden – oder dass sie ihre Freunde und ihre Familie unterwegs sterben sehen. Dies ist grausam und inhuman und verletzt den Geist sämtlicher Flüchtlings-, Menschenrechts- und Einwanderungsgesetze.

In der Vergangenheit gab es in Afrika, in Asien und im Nahen Osten Umsiedlungsprogramme, im Rahmen derer Antragsteller auf ihren Flüchtlingsstatus untersucht wurden. Anhand ihrer Ausbildung, ihrer Fähigkeiten und ihrer Familienbeziehungen wurde bestimmt, ob sie leicht integriert werden können, und in Zusammenarbeit mit den europäischen, nordamerikanischen und australischen Regierungen wurde ihnen eine neue Heimat gegeben. In den 1980ern haben solche Programme Tausenden von Äthiopiern, Vietnamesen und Argentiniern geholfen, und wenn man ihre neuen Wohnorte anschaut, wird klar, dass die überwiegende Mehrheit von ihnen heute eigenständige Steuerzahler sind.

Es gibt keinen Grund dafür, dass für diejenigen, die heute vor Gewalt und Verfolgung fliehen, nicht ähnliche Programme entwickelt werden könnten. Wenn Asylbewerber die Möglichkeit hätten, in ihren jetzigen Aufenthaltsländern ihre Anträge zu stellen, wären sie nicht gezwungen, auf der Überfahrt nach Italien oder Griechenland ihr Leben zu riskieren. Eritreier könnten beispielsweise in Khartum Anträge für Asyl in Schweden, Deutschland oder Großbritannien stellen, ebenso wie Syrier in Kairo oder Beirut. Die Anträge könnten ordnungsgemäß priorisiert and bearbeitet werden, und die Flüchtlinge könnten gesund und arbeits- oder studienfähig in Europa ankommen.

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Die Bewältigung der Krise im Mittelmeer darf kein Stückwerk bleiben. Die Kosten für die Überwachung des Meeres und die Rettung Schiffbrüchiger sind enorm hoch. Dass dort Menschen sterben, ist unverzeihlich. Aber wir müssen nicht warten, bis die tatsächlichen Ursachen der Vertreibungen – Staatsversagen und Bürgerkrieg – aus der Welt geschafft sind. Wir müssen lediglich den Mut finden, ein System zu entwickeln, in dem verzweifelte Menschen bei dem Versuch, Asyl und Umsiedlung zu beantragen, nicht ihr Leben riskieren müssen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff