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Europas Flüchtlingsamnesie

BARCELONA – Nach dem Ersten Weltkrieg, der Millionen europäischer Zivilisten durch feindliche Besetzung oder Deportation aus Ihren Heimatländern zu Vertriebenen machte, wurde ein internationales System entwickelt, um effektive Reaktionen zu koordinieren und das Leid der Entwurzelten zu lindern. Ein Jahrhundert später ist eine andere Flüchtlingskrise im Gange, und diesmal ist es Europa, das die Macht hat, verzweifelten Menschen eine sichere Zuflucht zu bieten. Doch es hat sich der Situation nicht gewachsen gezeigt, und viele seiner Reaktionen sind der Dringlichkeit der Lage nicht gerecht geworden.

Allein in den ersten paar Monaten dieses Jahres haben mehr als 38.000 Menschen versucht, durch Überquerung des Mittelmeers von Nordafrika aus Europa zu erreichen. Etwa 1800 von ihnen sind dabei gestorben – mehr als doppelt so viele wie im Gesamtjahr 2013.

Enttäuschenderweise reagieren viele Europäer auf die humanitäre Krise – die jener, die Europa vor einem Jahrhundert durchmachte, stark ähnelt –, indem sie Widerstand dagegen leisten, dass ihre Länder weitere Flüchtlinge aufnehmen. Wie schnell wir unsere Vergangenheit vergessen.

Schlimmer noch: Einige Europäer wollen, dass wir vergessen. Die aktuelle Stimmung wird durch populistische Parteien angeheizt, die sich selbst als Hüter der nationalen Identität positionieren. Europa, so argumentieren sie, stehe vor einer Masseneinwanderung, die drohe, seine Volkswirtschaften, Arbeitsmärkte und Kulturen unter noch größeren Druck zu setzen. Man braucht lediglich ein Jahrhundert zurückzublicken, um zu sehen, welche gefährlichen Folgen eine derartige Rhetorik haben kann.