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Warum Europa auch in Zukunft Bargeld braucht

FRANKFURT – Die Zahlungssysteme in Europa befinden sich im Umbruch. Angesichts der digitalen Revolution, die immer schnellere und bequemere Möglichkeiten der Zahlungsabwicklung bietet, hat Bargeld für manch einen offenbar an Zukunftsfähigkeit eingebüßt. Es wäre jedoch ein Fehler, die Rolle von Banknoten und Münzen in der Wirtschaft zu unterschätzen.

Bargeldlose Zahlungsoptionen haben sich in den letzten Jahren immer stärker verbreitet. Kreditkarten, Online-Überweisungen und Lastschriftzahlungen sind bereits gut etabliert. Nun erfreuen sich darüber hinaus auch smartphonebasierte digitale Zahlungslösungen und mobile Geldbörsen immer größerer Beliebtheit. Das Aufkommen potenziell disruptiver Innovationen wie der Distributed-Ledger-Technologie deutet darauf hin, dass weitere, möglicherweise grundlegende Veränderungen bevorstehen könnten.

Auch ohne diese neu aufkommenden Zahlungsoptionen gibt es eine Reihe von Studien, die sich für die Abschaffung des Bargelds aussprechen. Die Befürworter einer bargeldlosen Gesellschaft lassen sich in drei unterschiedliche Lager einteilen.

Das erste Lager der Alchemisten möchte die Beschränkungen beseitigen, die der Geldpolitik aus der Nullzinsuntergrenze entstehen. Das zweite Lager der Verfechter von Recht und Ordnung möchte Bargeld als wichtigstes Zahlungsmittel für illegale Aktivitäten aus dem Weg räumen. Und das dritte Lager der Fintech-(Finanztechnologie)-Allianz erwartet sich durch den Wegfall der hohen Kosten für Bargeldaufbewahrung, -ausgabe und -bearbeitung, die derzeit die Finanzbranche trägt, erhebliche Geschäftschancen.

Die Argumente für eine Abschaffung von Bargeld halten jedoch einer gründlichen Prüfung nicht stand. Beginnen wir mit der Argumentation der Alchemisten. Sicherlich gestaltet sich die Durchführung der Geldpolitik in einem von sehr niedrigen Zinsen geprägten Umfeld zunehmend schwierig.

Die Erfahrung zeigt aber, dass es einen Unterschied zwischen der effektiven Zinsuntergrenze und der Nullzinsuntergrenze gibt. Tatsächlich funktionieren negative Zinssätze, ohne eine Flucht in Bargeld auszulösen, insbesondere, wenn sie mit Outright-Käufen von Wertpapieren, langfristigen Kreditgeschäften („gezielten“ sowie solchen mit „Vollzuteilung“) und Forward Guidance kombiniert werden. Negativzinsen sind daher als spezifische geldpolitische Sondermaßnahme zu verstehen, die sich von Niedrigzinsen unterscheidet.

Auch die Argumentation des Lagers der Verfechter von Recht und Ordnung hält einer kritischen Betrachtung nicht stand. Für viele rechtschaffene Bürger erfüllt Bargeld als Wertaufbewahrungs- und Zahlungsmittel eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Wer käme auf den Gedanken, das Privateigentum an Luxusautos und Edelsteinen zu verbieten, nur weil Kriminelle Gefallen an ihnen finden? Wenn man der unbescholtenen Bevölkerungsmehrheit Schaden zufügt, um eine Minderheit zu bestrafen, die sich nicht an die Regeln hält, dann ist das so, als würde man eine Nuss mit einem Vorschlaghammer knacken – und dabei den Tisch, auf dem sie liegt, in Kleinholz verwandeln.

Die Fintech-Allianz schließlich verspricht, sie könne mit ihren innovativen digitalen Zahlungslösungen die Durchführung von Finanztransaktionen vereinfachen. Verbraucher müssten nicht länger Unmengen von Bargeld mit sich herumschleppen oder nach Geldautomaten suchen. Es bleibt jedoch offen, ob die nach wie vor stark fragmentierte Branche für digitale Zahlungen den Verbrauchern einen größeren Vorteil bringt als den Unternehmen, die die Zahlungslösungen anbieten.

Ein großes Problem mit allen Argumenten für eine bargeldlose Gesellschaft besteht darin, dass die meisten Menschen – zumindest in der Eurozone – nicht komplett auf Bargeld verzichten wollen. Laut einer noch nicht veröffentlichten Umfrage der Europäischen Zentralbank unter 65 000 Einwohnern des Eurogebiets erfolgen 80 % aller Transaktionen in Geschäften gegen Barzahlung. Wertmäßig betrachtet liegt der Bargeldanteil bei über 50 %.

Wie häufig in Europa sind erhebliche Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten festzustellen: die Quote der Bartransaktionen reicht von 42 % in Finnland bis 92 % in Malta. Insgesamt besteht jedoch nach wie vor eine starke Bindung der Öffentlichkeit an das Bargeld – und sie wird stärker.

Tatsächlich übersteigt die Zunahme der Gesamtnachfrage nach Bargeld das nominale BIP-Wachstum. In den letzten fünf Jahren belief sich die durchschnittliche Jahreswachstumsrate der Euro-Banknoten gemessen am Wert auf 4,9 % und gemessen an der Stückzahl auf 6,2 %. Dieser Anstieg betrifft auch Stückelungen, die vorwiegend für Transaktionen und nicht zum Sparen genutzt werden.

Diese Ergebnisse bestätigen, dass die neutrale Haltung der EZB hinsichtlich des Zahlungsverkehrs, die sowohl Barzahlung als auch bargeldlose Zahlungen zulässt, angemessen ist. Der Ansatz der EZB beruht auf vier Grundsätzen: (1) technologische Sicherheit, (2) Effizienz, (3) technologische Neutralität und (4) Wahlfreiheit für die Nutzer der jeweiligen Zahlungsmittel.

Das vorrangige Ziel der EZB ist die Gewährleistung von Preisstabilität. Im Sinne dieses Ziels stellt sie sichere Zentralbankliquidität zur Verfügung, sowohl in Form von Mindesteinlagen der Geschäftsbanken bei der Zentralbank als auch in Form von Banknoten (Letztere sind die einzigen Geldscheine, die im Euro-Währungsgebiet gesetzliches Zahlungsmittel sind).

Bei einer Abschaffung von Bargeld in Europa würde der einzige direkte Bezug der Menschen zum Zentralbankgeld wegfallen. In einer Demokratie trägt ein solcher direkter Bezug zur öffentlichen Akzeptanz der Zentralbankunabhängigkeit bei, stärkt er doch das Vertrauen und den Rückhalt in der Bevölkerung für die Durchführung einer effektiven Geldpolitik.

Die EZB wird auch in Zukunft Banknoten bereitstellen. Darüber hinaus wird sie die Weiterentwicklung eines integrierten, innovativen und wettbewerbsfähigen Markts für Lösungen im Massenzahlungsverkehr im Eurogebiet unterstützen. Wenn Bargeld eines Tages durch elektronische Zahlungsmittel abgelöst wird, so sollte diese Entscheidung den Willen der Bevölkerung widerspiegeln, nicht den Einfluss von Lobbygruppen.