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Europa braucht einen Plan B

NEW YORK – Die Europäische Union wurde durch die von Karl Popper so bezeichnete Stückwerk-Sozialtechnik aufgebaut.  Inspiriert durch die Vision von den Vereinigten Staaten von Europa, erkannte eine Gruppe weit blickender Staatsmänner, dass man sich diesem Ideal nur schrittweise nähern konnte, indem man sich begrenzte Ziele setzt, den zu ihrer Erreichung nötigen politischen Willen mobilisiert und Verträge schließt, die von den Staaten verlangen, nur so viel ihrer Souveränität abzugeben wie dies politisch verkraftbar ist. Auf diese Weise verwandelte sich die Gemeinschaft für Kohle und Stahl der Nachkriegszeit zur Europäischen Union -  Schritt für Schritt, wobei man in Kauf nahm, dass jeder Schritt unvollkommen war und zu gegebener Zeit weitere Schritte erfolgen mussten.

Den dazu nötigen politischen Willen stellten die Architekten der EU her, indem sie an den Zweiten Weltkrieg erinnerten, an die Bedrohung durch die Sowjetunion und die wirtschaftlichen Vorteile einer besseren Integration. Der Prozess wurde durch seinen eigenen Erfolg in Gang gehalten und nach dem Zerfall der Sowjetunion erhielt er durch die Aussicht auf eine deutsche Wiedervereinigung enormen Auftrieb.

Deutschlang erkannte, dass die Wiedervereinigung nur im Kontext einer größeren europäischen Einigung über die Bühne gehen konnte und war bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Da die Deutschen halfen, widerstreitende nationale Interessen unter einen Hut zu bringen, indem sie noch etwas drauflegten, erreichte der europäische Integrationsprozess mit dem Vertrag von Maastricht und der Einführung des Euro seinen Höhepunkt.

Allerdings war der Euro eine unvollständige Währung: Man hatte zwar eine Zentralbank, aber kein zentrales Finanzministerium. Die Architekten des Euro waren sich dieses Mangels sehr wohl bewusst, glaubten aber, dass man im Bedarfsfall den politischen Willen finden und den nächsten Schritt unternehmen könne.