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Europa in der Klemme

MADRID – Während Donald Trump am 8. November seinen schockierenden Sieg bei den US-Präsidentschaftswahlen besiegelte, wurde auf einer Konferenz in Brüssel dem Vermächtnis des verstorbenen Václav Havel gedacht, dem ersten postkommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei (und späteren Tschechischen Republik). Besonders für Europa kann die Bedeutung dieses Vermächtnisses kaum größer sein als an dem Punkt, an dem die Welt in die Ära Trump eintritt.

Zwei unterschiedlichere Persönlichkeiten als Havel und Trump sind kaum vorstellbar. Ersterer ist Künstler und Intellektueller gewesen, der Zeit seines Lebens für die Wahrheit eingetreten ist und sich unermüdlich dafür eingesetzt hat, Mensch und Gesellschaft über sich hinauswachsen zu lassen. Letzterer ist ein selbstverliebter Lump, der an die Macht gelangt ist, weil er die niederen Gefühle der Menschen zu bedienen weiß.

Die von Václav Havel propagierten Werte haben viel mit jenen gemein, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Entstehung der liberalen Weltordnung und damit nie dagewesenen Frieden und Wohlstand befördert haben. Die Wahl von Donald Trump legt den Schluss nahe, dass die USA diese Werte nicht mehr hochhalten könnten, geschweige denn ihrer Rolle bei der Aufrechterhaltung der internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin nachkommen werden.

Das entstehende strategische Vakuum schafft die Möglichkeit – ja sogar die dringende Notwendigkeit – der Übernahme dieser Führungsrolle durch einen anderen globalen Akteur. Die Europäische Union, die die Ideale und Prinzipien, die die liberale Weltordnung untermauern, mehr als jeder andere globale Akteur verinnerlicht und operationalisiert hat, sollte es tun. Das Problem ist, dass es – zumindest vorerst – nicht so aussieht, als ob die EU dazu in der Lage wäre.