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Die Europafrage in 2016

NEW YORK – Mit Beginn des neuen Jahres stehen wir vor einer Welt, in der sich die geopolitischen und geoökonomischen Risiken vervielfachen. Der größte Teil des Nahen Ostens steht in Flammen, was Spekulationen anheizt, dass ein langer Krieg zwischen Sunniten und Schiiten (ähnlich dem 30-jährigen Krieg in Europa zwischen Katholiken und Protestanten) bevorstehen könnte. Chinas Aufstieg heizt eine breite Palette territorialer Streitigkeiten in Asien an und stellt Amerikas strategische Führungsstellung in der Region in Frage. Und der russische Einmarsch in der Ukraine hat sich zwar anscheinend zu einem mehr oder weniger „festgefrorenen“ Konflikt entwickelt, könnte freilich jederzeit wieder ausbrechen.

Zudem besteht die Möglichkeit einer weiteren Epidemie, wie die Ausbrüche von SARS, MERS, Ebola und anderen Infektionskrankheiten in den letzten Jahren gezeigt haben. Eine weitere sich abzeichnende Bedrohung sind Cyberkriege, und vom Nahen Osten bis hin nach Nord- und Schwarzafrika bringen nichtstaatliche Akteure und Gruppierungen Konflikt und Chaos hervor. Und nicht zuletzt verursacht der Klimawandel schon jetzt erhebliche Schäden: Extreme Wetterereignisse werden häufiger und tödlicher.

Doch es ist Europa, das sich 2016 als „Ground Zero“ der Geopolitik erweisen könnte. Zunächst einmal ist ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone möglicherweise nur aufgeschoben und nicht verhindert: Renten- und sonstige Strukturreformen bringen das Land auf Kollisionskurs mit seinen europäischen Gläubigern. Ein „Grexit“ seinerseits könnte der Anfang vom Ende der Währungsunion sein, wenn die Anleger sich fragen, welches Mitglied – möglicherweise sogar ein Kernland (zum Beispiel Finnland) – wohl als Nächstes ausscheidet.

Bei einem Grexit könnte ein Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU wahrscheinlicher werden. Verglichen mit vor einem Jahr ist die Wahrscheinlichkeit eines „Brexit“ gestiegen, und zwar aus mehreren Gründen. Die jüngsten Terroranschläge in Europa haben das Vereinigte Königreich noch isolationistischer gemacht, und dasselbe gilt für die Migrationskrise. Unter Jeremy Corbyns Führung ist die Labour Party euroskeptischer geworden. Und Premierminister David Cameron hat sich selbst in eine Sackgasse manövriert, indem er EU-Reformen verlangt hat, die sogar die Deutschen – die dem Vereinigten Königreich wohlwollend gegenüberstehen – nicht akzeptieren können. Vielen Menschen in Großbritannien erscheint die EU als sinkendes Schiff.