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Wege aus der Armutsfalle

Die Beseitigung der Armut muss an erster Stelle der politischen Agenda Lateinamerikas und der Karibik bleiben, denn dort ist die Ungleichheit krasser als in jeder anderen Region und 20 % der Menschen überleben mit wenig mehr als zwei Dollar pro Tag (gemessen an der Kaufkraftparität 1993).

Armut ist von ihrem Wesen her ein dynamisches Phänomen. Arme Menschen sitzen in einer Falle aus spärlichen Besitztümern (oder Fähigkeiten) fest. Daher müssen Maßnahmen zur Armutsverringerung darauf abzielen, Anreize für arme Menschen zu schaffen, Vermögenswerte und Fähigkeiten zu erlangen, die ihnen den Ausbruch aus der Armut ermöglichen.

Selbstverständlich ist es unmöglich, ernsthaft etwas gegen die Armut zu unternehmen, ohne für nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu sorgen. Aber angesichts der Wirtschaftsleistung des Kontinents in den letzten 15 Jahren ist festzustellen, dass Wachstum allein die Armut in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich auch nicht um mehr als 25 % verringern wird. Selbst wenn es den politischen Entscheidungsträgern gelingen würde, ein investitionsfreundliches Umfeld zu schaffen und dadurch das Wachstum anzukurbeln, wären die Probleme Lateinamerikas nicht gelöst. Die enormen Einkommensunterschiede bedürfen spezieller Maßnahmen zur Armutsbekämpfung.

Ein augenfälliges Phänomen in Lateinamerika ist die geringe Umverteilung. Insgesamt haben die Steuern in den meisten Ländern wenig umverteilende Wirkung, weil man zum Großteil auf indirekte Steuern angewiesen ist. Selbst das chilenische Steuersystem – das effektivste in Lateinamerika – ist eigentlich regressiv. Die Einnahmen aus Einkommenssteuern sind in Lateinamerika und der Karibik gering. Das deutet auf einen Spielraum bei der Erhöhung der Einnahmen hin, um so mehr Geld für die Umverteilung zur Verfügung zu haben.