Jaha Dukureh, a survivor of female genital mutilation and founder of Safe Hands for Girls Tom Williams/Getty Images

Alle Macht den Mädchen

WASHINGTON, DC – In der Lotterie des Lebens ist es sicherlich ein doppelter Nachteil, in einem armen Land als Frau zur Welt zu kommen. Frauen in armen Ländern sind weltweit ärmer als jede andere demografische Gruppe, dazu kommen die schlechtesten Gesundheitsbedingungen, der geringste Zugang zu Bildung und die höchste Wahrscheinlichkeit, Opfer von Gewalt zu werden.

The Year Ahead 2018

The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

Order now

Fehlende Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – ausgedrückt in Ausgrenzung von Beschäftigung und niedrigere Bezahlung – kostet die Welt erschütternde 15,5 Prozent des Bruttoninlandsproduktes. Wenn Frauen die Chance verweigert wird, ihr Potenzial zu entwickeln, bedeutet das, dass ihren Ländern ihre Teilhabe verlorengeht. Und dennoch ist die frustrierende Realität, dass effektive Lösungen zur Aufhebung der Geschlechterungleichheit schwierig zu identifizieren sind.

Am extremen Ende der Skala für Fremdbestimmung befinden sich die 30 Millionen Mädchen, die in den kommenden zehn Jahren dem Risiko der weiblichen Genitalverstümmelung ausgesetzt sind, eine Praxis, die in Somalia, Guinea, Dschibuti, Ägypten, Eritrea, Mali, Sierra Leone und dem Sudan fast flächendeckend angewendet wird. Die Weltgesundheitsorganisation warnt davor, dass die betroffenen Frauen unter langfristigen Gesundheitsbeeinträchtigungen und höheren postnatalen Sterberaten leiden.

Aber das Problem ist leichter zu identifizieren als zu lösen. Rechtsreformen hatten bisher wenig Wirkung. Noch nicht einmal im Vereinigten Königreich, wo Genitalverstümmelung vor 30 Jahren unter Strafe gestellt wurde, wurde bisher auch nur eine einzige Person erfolgreich strafverfolgt. Die ersten offiziellen Zahlen, die im Juli registriert wurden, zeigen, dass es zwischen April 2015 und März 2016 5.702 neue Fälle gab. Mindestens 18 junge Mädchen und Frauen wurden der Prozedur im UK unterzogen, die meisten fanden jedoch in Afrika statt.

In den vergangenen 30 Jahren ist die Zahl der weiblichen Genitalverstümmelungen insgesamt zurückgegangen. Aber nicht alle Länder haben Fortschritte erzielt. Ausgehend von aktuellen Trends muss sogar davon ausgegangen werden, dass die Anzahl von Mädchen und Frauen, die die Verstümmelung erleiden müssen, in den nächsten 15 Jahren erheblich zunehmen wird.

Das bedeutet nicht, dass Hilfsorganisationen und Regierungen, die in diesem Bereich tätig sind, nicht ausgezeichnete Arbeit leisten. Aber wir brauchen mehr hochwertige Studien darüber, wie effektive Programme gefunden und ausgestattet werden können.

Kinderheirat ist eine andere inakzeptable Sitte, die Mädchen Chancen raubt. Zwischen 2011 und 2020 werden mehr als 140 Millionen minderjährige Mädchen weltweit verheiratet werden. In neun Ländern – Nigeria, Zentralafrikanische Republik, Tschad, Bangladesch, Mali, Guinea, Südsudan, Burkina Faso und Malawi – liegt der Prozentsatz der minderjährig verheirateten Mädchen laut Schätzungen der UNO bei über 50 Prozent.

Für die jungen Bräute hat dies weitreichende Folgen: niedrigeres Ausbildungsniveau und niedrigere Lebenseinkommen, mehr häusliche Gewalt, ein höheres Risiko, während Schwangerschaft oder Geburt zu sterben und höhere Sterberaten für ihre Kinder.

Wie bei der Genitalverstümmelung reichen Gesetze allein nicht aus, um das Problem zu lösen. Nehmen wir Bangladesch, wo 52 Prozent der Mädchen bereits verheiratet sind, bevor sie die gesetzliche Volljährigkeit von 18 Jahren erreichen. Die vielen Gesetze, die das Verheiraten von Minderjährigen und die Mitgiftpraktiken verbieten, haben bisher kaum etwas bewirkt. Nirgends auf der Welt werden so viele Mädchen – 18 Prozent – verheiratet, bevor sie 15 sind, wie in Bangladesch. Hilfsprogramme, die heranwachsenden Mädchen Lebenskompetenzen und Ausbildung anbieten, hatten bisher kaum Erfolg.

Eine Analyse in Bangladesch von Ökonomen der Duke University und dem MIT-Armutsaktionslabor von Abdul Latif Jameel legt nahe, dass die effektivste Strategie zur Verzögerung von Eheschließungen die Bereitstellung von finanziellen Mitteln ist. Bei Mädchen aus dem ärmsten 20 Prozent der Weltbevölkerung ist die Chance, dass sie jung verheiratet werden, doppelt so hoch, wie bei den reichsten 20 Prozent.

Ein viel versprechendes Programm in Südbangladesch versorgte Eltern von unverheirateten Mädchen mit Speiseöl. Alle vier Monate erhielten die Teilnehmer vier Liter Öl, geknüpft an die Bedingung, dass die Mädchen unverheiratet blieben, was überwacht wurde.

Dieser bescheidene Anreiz funktionierte: die Wahrscheinlichkeit, dass die Töchter der Teilnehmer vor Erreichen des 16. Lebensjahrs verheiratet wurden, war 30 Prozent geringer, die erwirtschafteten Nutzen waren viermal so hoch wie die Kosten. Das Programm trug auch dazu bei, das Ausbildungsniveau der Mädchen zu verbessern: die Wahrscheinlichkeit, dass die Töchter der Empfänger weiter zur Schule gingen, stieg um 22 Prozent.

Das ist wichtig, weil eines der wichtigsten Millenniums-Entwicklungsziele, die 2015 abgeschlossen wurden, die Reduzierung der Geschlechterungleichheit in Grund- und Sekundarschulen war. Im Bereich der Grundschulen wurde ein guter Fortschritt erziel, aber der Zugang zu Sekundarschulen und Universitäten ist immer noch äußerst ungleich. Unterschiede bei der Anmeldung zur Grundschule sind in allen Regionen zurückgegangen, obwohl sich diese Entwicklung in der Sahelzone, im Nahen Osten und in Nordafrika langsamer vollzieht.

Die Reduzierung der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Schulausbildung hat positive Auswirkungen sogar auf die nächste Generation. Mehr Bildung für Mädchen bedeutet bessere Gesundheit und Ernährung für ihre Kinder.

Wir werden dies mit unterschiedlichen Mitteln erreichen. Mancherorts hilft es, Schuluniformen zu stellen, aber nicht überall. In Bangladesch wirkte sich die Intervention zur Reduzierung der Verheiratung von Minderjährigen zusätzlich positiv auf die Sekundarschulausbildung aus. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass Gelder, die in die Reduzierung des Gender Gaps investiert werden, eine circa fünfmal höhere Rendite haben.

Viele gut gemeinte und sogar zweifelsohne gute Ideen zur Reduzierung der Geschlechterungleichheit sind schwieriger zu analysieren und zu quantifizieren. Es würde wenig kosten, sicherzustellen, dass Frauen gleiche Erbrechte haben, Verträge unterschreiben, ein Geschäft eintragen oder ein Bankkonto eröffnen können. Trotz Datenproblemen hat eine Gruppe von Nobelpreisträgern, die von Copenhagen Consesnus einberufen wurde, Maßnahmen wie diese als eines der 19 besten Entwicklungsziele identifiziert, deren Verfolgung für jeden ausgegebenen Dollar einen Gewinn von mehr als 15 US-Dollar einbringen.

Wir wissen, wie wir ein Problem lösen können – und wir verfügen über hinreichend Daten über Kosten und Nutzen. 225 Millionen Frauen wollen eine Schwangerschaft verhindern und verwenden keine sicheren und wirksamen Verhütungsmethoden. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von fehlendem Zugang zu Informationen oder Leistungen bis hin zu fehlender Unterstützung durch ihre Partner oder Gemeinschaften.

Das Bereitstellen von universalem Zugang zu Verhütungsmitteln würde pro Jahr 3,6 Millionen US-Dollar kosten, aber 150.000 weniger Todesfälle von Müttern und 600.000 weniger Waisen bedeuten. Darüber hinaus würde die demografische Dividende aus weniger Abhängigen und mehr Menschen in einem Arbeitsverhältnis das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Die Nutzen wären insgesamt erstaunliche 120 Mal höher als die Kosten.

Es gibt keine schnellen Lösungen für den Gender Gap, aber eins ist klar: nicht alle Bemühungen sind gleichermaßen gut oder werden von fundierten Daten gestützt. Aus moralischen und wirtschaftlichen Gründen sollten die Verantwortlichen die Maßnahmen einsetzten, die Frauen und Mädchen am meisten dabei helfen, selbstbestimmt zu leben.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

http://prosyn.org/rltfNhS/de;

Handpicked to read next

  1. Patrick Kovarik/Getty Images

    The Summit of Climate Hopes

    Presidents, prime ministers, and policymakers gather in Paris today for the One Planet Summit. But with no senior US representative attending, is the 2015 Paris climate agreement still viable?

  2. Trump greets his supporters The Washington Post/Getty Images

    Populist Plutocracy and the Future of America

    • In the first year of his presidency, Donald Trump has consistently sold out the blue-collar, socially conservative whites who brought him to power, while pursuing policies to enrich his fellow plutocrats. 

    • Sooner or later, Trump's core supporters will wake up to this fact, so it is worth asking how far he might go to keep them on his side.
  3. Agents are bidding on at the auction of Leonardo da Vinci's 'Salvator Mundi' Eduardo Munoz Alvarez/Getty Images

    The Man Who Didn’t Save the World

    A Saudi prince has been revealed to be the buyer of Leonardo da Vinci's "Salvator Mundi," for which he spent $450.3 million. Had he given the money to the poor, as the subject of the painting instructed another rich man, he could have restored eyesight to nine million people, or enabled 13 million families to grow 50% more food.

  4.  An inside view of the 'AknRobotics' Anadolu Agency/Getty Images

    Two Myths About Automation

    While many people believe that technological progress and job destruction are accelerating dramatically, there is no evidence of either trend. In reality, total factor productivity, the best summary measure of the pace of technical change, has been stagnating since 2005 in the US and across the advanced-country world.

  5. A student shows a combo pictures of three dictators, Austrian born Hitler, Castro and Stalin with Viktor Orban Attila Kisbenedek/Getty Images

    The Hungarian Government’s Failed Campaign of Lies

    The Hungarian government has released the results of its "national consultation" on what it calls the "Soros Plan" to flood the country with Muslim migrants and refugees. But no such plan exists, only a taxpayer-funded propaganda campaign to help a corrupt administration deflect attention from its failure to fulfill Hungarians’ aspirations.

  6. Project Syndicate

    DEBATE: Should the Eurozone Impose Fiscal Union?

    French President Emmanuel Macron wants European leaders to appoint a eurozone finance minister as a way to ensure the single currency's long-term viability. But would it work, and, more fundamentally, is it necessary?

  7. The Year Ahead 2018

    The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

    Order now