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Wahlen ohne Sieger

Wenn Fußballspiele – zumindest die, bei denen es einen Sieger geben muss – mit Gleichstand enden, muss ein Elfmeterschießen die Sache entscheiden, wie diese Weltmeisterschaft auf so dramatische Weise gezeigt hat. Der Wettstreit Einzelner um Heldentum oder Niederlage beim Elfmeterschießen ist einem Mannschaftsspiel wie dem Fußball eigentlich fremd, jedoch wird es als notwendiges Mittel hingenommen, die Pattsituation zu lösen. Doch was Wahlen angeht, die im Idealfall immer einen Sieger hervorbringen sollten, gibt es keine derartige Einrichtung.

Dennoch gingen einige Wahlen in jüngster Zeit immerhin beinah mit einem Gleichstand aus. Mexikos Präsidentschaftswahl ist nur das letzte Beispiel. Vor einigen Wochen endete die Parlamentswahl in der Tschechischen Republik in einer totalen Sackgasse, bei der Linke und Rechte jeweils 100 Sitze im Unterhaus gewannen, und keine Lösung ist in Sichtweite. In Italien sorgt eine merkwürdige Regel dafür, dass die Gruppierung, die eine Handvoll mehr Stimmen als die andere hat, einen Bonus von mehreren Dutzend Sitzen im Unterhaus bekommt. Romano Prodis Regierung muss im Senat mit einer hauchdünnen Mehrheit arbeiten.

Es gibt andere Beispiele aus jüngerer Zeit, das bekannteste von ihnen ist vielleicht die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten im Jahr 2000. Warum erleben wir plötzlich so viele knappe Ergebnisse bei demokratischen Wahlen? Wie sollten wir am besten damit umgehen? Und wie wirken sie sich auf die Legitimität der Regierungen aus, die aus ihnen hervorgehen?

Die erste Frage ist am schwierigsten zu beantworten. Dem interessierten Beobachter erscheinen die Wählerschaften demokratischer Länder nicht so gleichmäßig nach Klasse oder entlang ähnlicher Linien geteilt, als dass dies politische Pattsituationen hervorrufen würde. Im Gegenteil, überall scheinen die Wählerschaften vor allem unbeständig, und die Wähler sind bereit, ihre Präferenzen von einem Urnengang zum nächsten zu ändern. Oft wollen sie Veränderung – nichts weiter.