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Die Rätsel der Sphinx

BERLIN – Ägypten steht im Zentrum der arabischen Revolution, auch wenn deren ursprünglicher Anstoß von Tunesien ausging. Aber Ägypten mit seiner geopolitischen Lage, seinen stabilen Grenzen, seiner großen Bevölkerung und seiner uralten Geschichte bildet seit alters her die Zentralmacht des arabischen Raums. Das Land definiert daher mehr als andere den Fortgang der Geschichte in der arabisch-nahöstlichen Welt.

Daher ist es keineswegs eine akademische Frage, was wir dort jüngst mit dem Sturz des gewählten islamistischen Präsidenten Mursi erlebt haben: Eine klassische Konterrevolution in Gestalt eines Militärputsches? Oder die Verhinderung der völligen Machtübernahme der Muslim Brüder und, damit einhergehend, der endgültige wirtschaftliche Zusammenbruch des Landes und sein Abgleiten ins Chaos einer religiösen Diktatur?

Dass es sich am Nil um einen Militärputsch gehandelt hat, kann nun ernsthaft niemand bezweifeln. Und dass die alten Kräfte des Mubarak Regimes wieder die Macht übernommen haben ebenso wenig, nur dass es diesmal mit der Unterstützung der wenigen prowestlichen Liberalen und der Jugend der großstädtischen Mittelschicht geschah, was diesem Putsch unzweifelhaft nicht ein mehr an Legalität, wohl aber an (demokratischer?) Legitimität zu verleihen scheint. Dennoch, der Sturz einer demokratisch gewählten Regierung durch das Militär lässt sich nicht schön reden.

Welche Möglichkeiten bleiben Ägypten? Eine Wiederholung der algerischen Tragödie, die über die Stationen Wahlen, Militärputsch gegen die siegreichen Islamisten schließlich zu einem äußerst brutalen und opferreichen Bürgerkrieg über zehn Jahre hinweg geführt hat? Eine Rückkehr der Militärdiktatur? Oder eine Art kemalistische „Demokratie,“ in der das Militär in Gestalt eines „tiefen Staates“ das letztendliche Sagen behält? Alle drei Optionen sind möglich, auch wenn heute kaum zu sagen ist, welche davon die Zukunft bestimmen wird.