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Die verlorenen Generationen

NEW YORK – Der wirtschaftliche Erfolg eines Landes hängt von Bildung, Qualifikation und Gesundheit seiner Bevölkerung ab. Sind die jungen Menschen eines Landes gesund und gut ausgebildet, können sie einträgliche Jobs finden, in Würde leben und sich erfolgreich an die Fluktuationen am globalen Arbeitsmarkt anpassen. Die Unternehmen investieren stärker, weil sie wissen, dass ihre Arbeitnehmer produktiv sein werden. Doch vielen Gesellschaften auf der ganzen Welt gelingt es nicht, jeder Generation medizinische Grundversorgung und ordentliche Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen.  

Warum wird man der Herausforderung im Bildungsbereich in so vielen Ländern der Welt nicht gerecht?  Manche Staaten sind einfach zu arm, um gute Schulen zu finanzieren. Auch den Eltern mangelt es möglicherweise an entsprechender Ausbildung, wodurch sie nicht in der Lage sind, ihren Kindern nach dem ersten oder zweiten Schuljahr noch zu helfen. So werden Analphabetismus und mangelnde Rechenkenntnisse von einer Generation auf die nächste übertragen. Am schwierigsten ist die Situation in Großfamilien (mit etwa sechs oder sieben Kindern), weil die Eltern wenig in Gesundheit, Ernährung und Bildung jedes ihrer Kinder investieren.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Aber auch reiche Länder versagen in diesem Bereich. Die Vereinigten Staaten beispielsweise lassen es in grausamer Weise zu, dass ihre ärmsten Kinder leiden. Arme Menschen leben in armen Gegenden mit schlechten Schulen. Die Eltern sind oftmals arbeitslos, krank, geschieden oder gar inhaftiert. Trotz des allgemeinen Wohlstands der Gesellschaft geraten die Kinder in einen generationsübergreifenden Teufelskreis der Armut. Allzu oft werden aus Kindern, die in Armut aufwachsen, auch arme Erwachsene.  

Ein bemerkenswerter neuer Dokumentarfilm mit dem Titel The House I Live In zeigt, dass die Situation in Amerika aufgrund desaströser politischer Strategien noch trauriger und grausamer ist. Vor etwa 40 Jahren erklärten amerikanische Politiker den „Krieg gegen Drogen“, vorgeblich um den Konsum von Suchtmitteln wie Kokain zu bekämpfen. Doch in dem Film wird klar aufgezeigt, dass der Krieg gegen Drogen zu einem Krieg gegen die Armen, vor allem gegen arme Angehörige von Minderheiten, wurde. 

Tatsächlich führte der Krieg gegen Drogen zur massenhaften Inhaftierung armer junger Männer aus Minderheiten. Heute sitzen in den USA zu jedem Zeitpunkt etwa 2,3 Millionen Menschen im Gefängnis. Bei einer beträchtlichen Anzahl dieser Häftlinge handelt es sich um arme Menschen, die wegen des Verkaufs von Drogen einsitzen, mit dem sie ihre eigene Sucht finanzieren. Aus diesem Grund weisen die USA die höchste Inhaftierungsrate weltweit auf – nämlich schockierende 743 Personen pro 100.000 Einwohner!

Der Film beschreibt eine albtraumhafte Welt, in der die Armut von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, wobei der grausame, kostspielige und ineffiziente „Krieg gegen Drogen“ den ganzen Prozess noch fördert. Arme Menschen, vielfach Afro-Amerikaner, finden keine Arbeit oder werden ohne Qualifikationen oder Beschäftigungsmöglichkeiten aus dem Militärdienst entlassen. Sie rutschen in die Armut ab und greifen zu Drogen.

Statt ihnen sozialen Beistand und medizinische Versorgung zukommen zu lassen, werden sie eingesperrt und zu Verbrechern gestempelt. Ab diesem Zeitpunkt landen sie regelmäßig im Gefängnis und haben wenige Chancen, jemals einen legalen Job anzunehmen, der es ihnen ermöglicht, der Armut zu entkommen. Ihre Kinder wachsen mit nur einem Elternteil und ohne Hoffnung und Unterstützung auf. Aus den Kindern drogensüchtiger Eltern werden oft selbst Drogenkonsumenten. Auch sie landen oftmals im Gefängnis oder erleiden Gewalt oder einen frühen Tod.

Das Verrückte daran ist, dass die USA – seit 40 Jahren -  offenkundig nicht verstehen, worum es geht.  Um nämlich den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen, muss ein Land in die Zukunft seiner Kinder investieren und nicht in die Inhaftierung von 2,3 Millionen Menschen jährlich, wobei viele wegen Nicht-Gewaltdelikten einsitzen, die als Symptome der Armut zu begreifen sind.

Viele Politiker sind willige Komplizen dieses Wahnsinns. Sie spielen mit den Ängsten der Mittelschicht, vor allem ihren Ängsten gegenüber Minderheiten, um die fehlgeleiteten sozialen Bemühungen und Staatsausgaben endlos fortzusetzen.  

Allgemein gilt Folgendes: Der Staat spielt eine einzigartige Rolle, wenn es darum geht sicherzustellen, dass alle jungen Mitglieder einer Generation – arme Kinder ebenso wie reiche – eine Chance haben. Ohne starke und wirksame staatliche Programme zur Förderung qualitativ hochwertiger Bildung sowie guter Gesundheitsversorgung und Ernährung kann sich ein armes Kind nicht aus der Armut seiner Eltern befreien.

Das ist der wahre Geist der „Sozialdemokratie“, einer Philosophie, bei deren Umsetzung Skandinavien eine Vorreiterrolle spielte, die aber auch in vielen Entwicklungsländern, wie etwa Costa Rica, ihre Anwendung findet.  Die Idee ist ebenso einfach wie wirksam: Jeder Mensch verdient eine Chance und die Gesellschaft muss jedem helfen, diese Chance zu wahren. Von größter Bedeutung ist, dass Familien Hilfe brauchen, um gesunde, gut ernährte und gebildete Kinder heranzuziehen. Die sozialen Investitionen sind hoch und werden durch hohe Steuern finanziert. Diese werden von reichen Menschen bezahlt, die sich auch nicht davor drücken.  

Das ist die grundlegende Vorgehensweise, um die generationenübergreifende Verbreitung der Armut zu unterbrechen. In Schweden wird ein armes Kind von Anfang an unterstützt.  Die Eltern haben Anspruch auf Elternzeit, um sich dem Baby widmen zu können. Dann stellt der Staat qualitativ hochwertige Kinderbetreuung zu Verfügung, die es der Mutter ermöglicht, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren – im Bewusstsein, dass ihr Kind in der Betreuungseinrichtung gut aufgehoben ist. Der Staat stellt sicher, dass jedes Kind einen Kindergartenplatz bekommt und so im Alter von sechs Jahren auf die Schule vorbereitet ist. Und die Gesundheitsversorgung ist allumfassend, so dass die Kinder gesund aufwachsen können.

Ein Vergleich zwischen den USA und Schweden ist deshalb aufschlussreich. Aus vergleichbaren Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geht hervor, dass die USA mit 17,3 Prozent eine Armutsrate aufweisen, die etwa doppelt so hoch liegt wie der entsprechende schwedische Wert von 8,4 Prozent. Und die Inhaftierungsrate ist in den USA zehn Mal höher als in Schweden, wo 70 Personen pro 100.000 Einwohner im Gefängnis sitzen. Im Durchschnitt sind die USA reicher als Schweden, aber die Einkommensschere zwischen Reichsten und den Ärmsten klafft in den USA viel weiter auseinander als in Schweden. Und in die USA geht man mit ihren Armen nicht unterstützend, sondern bestrafend um.

Eine schockierende Realität der letzten Jahre ist, dass Amerika unter den Ländern mit hohen Einkommen heute den beinahe niedrigsten Grad an sozialer Mobilität aufweist. Kinder, die arm geboren werden, bleiben auch arm, während aus Kindern, die im Wohlstand aufwachsen, auch wohlhabende Erwachsene werden.  

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Diese generationenübergreifende Einbahnstraße kommt einer massiven Verschwendung menschlichen Talents gleich. Ändert Amerika seinen Kurs nicht, wird es langfristig den Preis dafür bezahlen. Investitionen in Kinder und junge Menschen bringen sowohl in wirtschaftlicher als auch in sozialer Hinsicht die höchste Rendite, die eine Gesellschaft bekommen kann.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier