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Wirtschaftskrisen und die Krisen der Wirtschaftswissenschaften

LONDON – Befindet sich die Profession der Ökonomen „in der Krise“? Viele politische Entscheidungsträger wie Andy Haldane, der Chefvolkswirt der Bank of England, vertreten diese Ansicht. Tatsächlich gelang es den Ökonomen vor einem Jahrzehnt nicht, den massiven herannahenden Sturm zu erkennen, bis dieser in der zerstörerischsten globalen Finanzkrise in beinahe 80 Jahren gipfelte. In jüngerer Vergangenheit schätzten die Ökonomen die unmittelbaren Auswirkungen des britischen Brexit-Votums auf die Wirtschaft des Landes falsch ein.

Freilich sind die Prognosen für die Zeit nach dem Brexit möglicherweise nicht ganz falsch, aber nur, wenn wir die langfristigen Auswirkungen der Brexit-Abstimmung betrachten. Manche Ökonomen erwarteten einen Zusammenbruch der britischen Wirtschaft während der Panikphase nach dem Referendum, doch die wirtschaftliche Aktivität erwies sich als durchaus belastbar, wobei das BIP-Wachstum 2016 einen Wert von rund 2,1 Prozent erreichte. Doch nun, da die britische Premierministerin Theresa May andeutete, einen „harten“ Brexit zu bevorzugen, liegt man mit einer düsteren langfristigen Prognose wahrscheinlich richtig.

Leider erstreckt sich die Verantwortung der Ökonomen für die globale Finanzkrise des Jahres 2008 und die anschließende Rezession über reine Prognosefehler hinaus. Viele Vertreter der Zunft lieferten das intellektuelle Unterfutter für die der Krise vorangegangenen Exzesse und die nach der Krise begangenen politischen Fehler - insbesondere für das Beharren auf Sparprogrammen und die Missachtung der sich ausweitenden Ungleichheit.

Manche Ökonomen ließen sich zu intellektueller Arroganz verleiten: nämlich zu dem Glauben, sie könnten die Komplexität der realen Welt in allen Fällen erklären. Wieder andere verhedderten sich in methodischen Fragen – „verwechselten Schönheit mit Wahrheit“, wie Paul Krugman einmal bemerkte – oder vertrauten in zu hohem Maße in die Rationalität des Menschen oder die Effizienz der Märkte.

Trotz ihres Strebens nach einer Gewissheit wie in den Naturwissenschaften, ist und bleibt die Ökonomie eine Sozialwissenschaft. Die Ökonomen beschäftigen sich mit der systematischen Erforschung von Objekten, die in allgemeinere soziale und politische Strukturen eingebettet sind. Ihre Methode beruht auf Beobachtungen, in denen sie Muster erkennen und daraus wiederum andere Muster und Verhaltensweisen ableiten; dennoch werden sie niemals die Vorhersagegenauigkeit etwa der Chemie oder der Physik erreichen.

Menschen reagieren in unterschiedlicher Weise auf neue Informationen und passen ihr Verhalten entsprechend an. Aus diesem Grund kann die Ökonomie keine eindeutigen Erkenntnisse über künftige Trends und Muster bieten – und sollte auch nicht behaupten, dies zu können. Die Ökonomen können  zukünftige Entwicklungen nur durch Rückblick prognostizieren, weswegen sich ihre Vorhersagekraft auf die Ableitung von Wahrscheinlichkeiten auf Grundlage vergangener Ereignisse und nicht zeitlos gültiger Gesetzte beschränkt.  

Und weil es sich bei der Ökonomie um eine Sozialwissenschaft handelt, kann sie auch leicht benutzt werden, um politischen und wirtschaftlichen Interessen zu dienen. In den Jahren vor der Finanzkrise präsentierten sich das weltweite Wirtschaftswachstum und die Gewinne so stark, dass alle – vom Kleinanleger bis zu den größten Banken – von der Aussicht auf noch höhere Gewinne geblendet waren.

Von Ökonomen, die im Dienste von Banken, Hedgefonds und anderen Unternehmen standen, wurde erwartet, dass sie ihren Arbeitgebern und Kunden einen kurzfristigen „Ausblick“ verschaffen; sowie der breiten Öffentlichkeit ihre „Weisheit“ im Rahmen von Interviews und Medienauftritten darlegen. Unterdessen machte sich die ökonomische Profession einen Fachjargon sowie noch komplexere mathematische Methoden zu eigen, wodurch sich die Kluft zwischen Ökonomen und anderen Sozialwissenschaften noch weiter vertiefte.

Vor der Finanzkrise, als so viele private Interessen und gewinnträchtige Anlagechancen auf dem Spiel standen, verteidigten zahlreiche Ökonomen ein Wachstumsmodell, das eher auf „irrationalem Überschwang“ als auf soliden Fundamentaldaten beruhte. Und im Hinblick auf den Brexit verwechselten viele Ökonomen die langfristigen Auswirkungen des Referendums mit seinen kurzfristigen Folgen, weil sie sich beeilten, ihre Prognosen mit der politischen Debatte in Einklang zu bringen.

Aufgrund dieser und anderer Fehler sind Ökonomen – sowie auch die Ökonomie – spektakulär in Ungnade gefallen. Wurden die Ökonomen einst als moderne Hexenmeister mit Zugang zu exklusivem Wissen betrachtet, sind sie heute die am stärksten verachteten „Experten.“  

Was ist nun also zu tun? Obwohl wir Haldanes ehrliches Eingeständnis würdigen sollten, ist eine Entschuldigung für Fehler der Vergangenheit nicht ausreichend. Insbesondere Ökonomen, die an der politischen Debatte beteiligt sind, müssen für ihr berufliches Verhalten explizit zur Verantwortung gezogen werden. Dazu sollten sie sich an Bestimmungen eines freiwilligen Verhaltenskodex halten.

Vor allem sollte in diesem Kodex festgehalten werden, dass die Ökonomie zu komplex ist, um sie auf markante Sprüche und übereilte Schlussfolgerungen zu reduzieren. Die Ökonomen sollten stärker darauf achten, wann und wo sie ihre Ansichten darlegen und welche möglichen Auswirkungen dies haben kann. Und sie sollten ihre Interessen stets offenlegen, so dass man Analysen in irgendjemandes Interesse von unabhängiger Perspektive unterscheiden kann.

Außerdem würde die wirtschaftliche Debatte von einer größeren Vielfalt an Stimmen profitieren. Die Ökonomie ist ein weites Feld, in dem sich Wissenschaftler ebenso wie Praktiker tummeln, deren Arbeit sich von makro- und mikroökonomischen Perspektiven bis hin zu theoretischen und angewandten Ansätzen erstreckt. Wie in jeder anderen intellektuellen Disziplin werden auch in diesem Bereich hervorragende, gute und mittelmäßige Leistungen erbracht.

Doch der Großteil der Forschungsergebnisse schafft es nicht, sich seinen Weg in die Kreise der politischen Entscheidungsfindung wie Finanzministerien, Zentralbanken oder internationale Institutionen zu bahnen. Auf den wirtschaftspolitischen Kommandohöhen bleibt die Debatte von einer relativ kleinen Gruppe weißer Männer von amerikanischen Universitäten und Denkfabriken beherrscht, bei denen es sich fast ausnahmslos um versierte Anhänger der Mainstream-Ökonomie handelt. 

Die in diesen Zirkeln vertretenen Ansichten finden in den Massenmedien durch Kommentare und Interviews unverhältnismäßig weite Verbreitung. Doch die Ideensuche in einem derart kleinen und beschränkten Rahmen führt zu einer sich im Kreis drehenden, selbstgefälligen Debatte, die auch weniger bekannte Ökonomen dazu animieren könnte, ihre Forschungsergebnisse darauf abzustimmen. 

Die Öffentlichkeit verdient – und braucht – einen Marktplatz der Ideen, wo Ansichten des wirtschaftspolitischen Mainstream ebenso viel Aufmerksamkeit bekommen wie davon abweichende Meinungen und wo darüber ausgewogen diskutiert werden kann. Dazu bedarf es natürlich Mut, Fantasie und Dynamik – insbesondere auf Seiten der Journalisten. Aber vielleicht ist eine gerechtere und pluralistischere Diskussion wirtschaftlicher Ideen genau das, was auch die Ökonomen selbst brauchen.  

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier