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Wirtschaftswissenschaften mit geisteswissenschaftlichem Gesicht

CHICAGO – In einer Umfrage aus dem Jahr 2006 wurden amerikanische Universitätsprofessoren gefragt, ob es besser sei, über Kenntnisse in mehreren Fachgebieten zu verfügen oder nur in einem. Von den Psychologieprofessoren begeisterten sich 79% über das interdisziplinäre Lernen, ebenso 73% der Soziologen und 68% der Historiker. Am wenigsten enthusiastisch waren die Ökonomen: Nur 42% der Befragten stimmten der Notwendigkeit zu, die Welt durch eine disziplinübergreifende Brille zu verstehen. Ein Beobachter hat es unverblümt so ausgedrückt: „Die Ökonomen glauben buchstäblich, dass sie von niemand anderem etwas lernen können.“

In Wahrheit würden die Ökonomen von einer Ausweitung ihres Fokus stark profitieren. Die Wirtschaftswissenschaften befassen sich mit Menschen und können daher viel von den Geisteswissenschaften lernen. Dies könnte nicht nur ihre Modelle realistischer und ihre Prognosen präziser machen, sondern auch die Wirtschaftspolitik effektiver und gerechter machen.

Ob man sich ansieht, wie man das Wirtschaftswachstum in unterschiedlichen Kulturen steigert, die moralischen Fragen betrachtet, die aufgeworfen werden, wenn Universitäten ihr Eigeninteresse auf Kosten ihrer Studenten verfolgen, oder über zutiefst persönliche Fragen in Bezug auf Krankenfürsorge, Ehe und Familie nachdenkt: Wirtschaftliche Erkenntnisse sind dabei notwendig, aber nicht hinreichend. Wenn diese Erkenntnisse alles sind, womit wir uns befassen, scheitern politische Strategien und die Menschen leiden.

In ihrem leidenschaftlichen Streben nach mathematisch begründeten Erklärungen tun sich die Ökonomen in mindestens drei Bereichen schwer: bei der Berücksichtigung kultureller Aspekte, der Verwendung beschreibender Erklärungen und der Behandlung ethischer Fragen, die sich nicht auf wirtschaftliche Kategorien allein reduzieren lassen.

Menschen sind keine Organismen, die zuerst erschaffen und dann in irgendeine Kultur getaucht werden wie Achilles in den Styx. Sie sind von Beginn an kulturelle Wesen. Doch da sich Kultur nicht in mathematischen Begriffen ausdrücken lässt, machen sich die Ökonomen in der Regel die Vorstellung eines präkulturellen Menschseins zu eigen.

Um Menschen als kulturelle Wesen zu begreifen, muss man Geschichten über sie erzählen. Menschliche Leben entfalten sich nicht in vorhersagbarer Weise, so wie der Mars um die Sonne kreist. Zufälle, persönliche Eigenarten und unvorhersehbare Entscheidungen spielen eine nicht reduzierbare Rolle. Das Leben zeigt etwas, was man als „Narrativität“ bezeichnen könnte und was die Notwendigkeit nach einer Erklärung durch Geschichten impliziert. Und die beste Würdigung dieser Tatsache findet sich in Romanen, die man nicht nur als literarische Form betrachten kann, sondern auch als einzigartigen Weg zum Verständnis der sozialen Welt. Auch wenn die in Romanen beschriebenen Ereignisse fiktiver Art sind, sind die Gestalt, Abfolge und Konsequenzen dieser Ereignisse häufig die präziseste uns zur Verfügung stehende Darstellung davon, wie sich Leben entfalten.

Und schließlich befassen sich die Wirtschaftswissenschaften unweigerlich mit ethischen Fragen, die sich nicht auf die Ökonomie selbst – oder, was das angeht, auf irgendeine andere Gesellschaftswissenschaft – reduzieren lassen. Die Ökonomen schmuggeln ethische Gesichtspunkte häufig über Konzepte wie einen „fairen“ Marktpreis in ihre Modelle ein. Doch es gibt viele Möglichkeiten, diese Fragen offenzulegen und für die Diskussion zu öffnen.

Es gibt keine bessere Quelle ethischer Erkenntnis als die Romane von Tolstoy, Dostojewski, George Eliot, Jane Austen, Henry James und anderen großen Realisten. Ihre Werke destillieren die Komplexität ethischer Fragen, die zu wichtig sind, um sie sicher einer übergreifenden Theorie anzuvertrauen. Diese Fragen erfordern Empathie und ein gutes Urteilsvermögen, welche durch Erfahrung entwickelt werden und nicht formalisiert werden können. Sicherlich mögen einige Ethiktheorien Empathie empfehlen, doch die Lektüre der Literatur und das Identifizieren mit ihren Charakteren beinhaltet eine umfassende Praxis dabei, sich in die Schuhe anderer zu stellen. Wenn man sich nicht mit Anna Karenina identifiziert hat, hat man Anna Karenina nicht wirklich gelesen.

Wer einen großen Roman liest und sich mit seinen Charakteren identifiziert, verbringt zahllose Stunden damit, sich auf sie einzulassen – und fühlt von innen heraus, wie es ist, jemand anders zu sein. Man erlebt die Welt aus der Sicht einer anderen sozialen Schicht, eines anderen Geschlechts, einer anderen Religion, Kultur, sexuellen Orientierung, eines anderen moralischen Verständnisses oder sonstiger Aspekte, die die Erfahrung des Menschseins bestimmen und differenzieren. Indem man das Leben einer Figur auf indirekte Weise durchlebt, fühlt man nicht nur, was diese Figur fühlt, sondern setzt sich auch mit diesen Gefühlen auseinander, betrachtet den Charakter der Handlungen, zu denen sie führen, und erwirbt mit etwas Übung die Weisheit, echte Menschen in all ihrer Komplexität zu schätzen.

Der Punkt ist nicht, die großen Leistungen der Ökonomie aufzugeben, sondern etwas zu schaffen, was wir als „Humanomics“ bezeichnen und das es jeder Disziplin ermöglicht, sich ihre eigenen unverwechselbaren Eigenschaften zu bewahren. Statt Wirtschaftswissenschaften und Geisteswissenschaften zu verschmelzen, erzeugt Humanomics einen Dialog zwischen beiden.

Ein derartiger Dialog würde die Ökonomie tatsächlich zu ihren illustren Wurzeln im Denken von Adam Smith zurückführen, der, in seiner Theorie der ethischen Gefühle, ausdrücklich bestritt, dass man menschliches Verhalten adäquat unter Rückgriff auf deren „rationale Entscheidungen“ beschreiben könne, um den individuellen Nutzen für sich zu maximieren. Schließlich verhalten sich Menschen oft töricht. Wichtiger noch ist, dass für Smith die Sorge der Menschen um andere eine „ureigene Leidenschaft“ ist, die sich nicht auf selbstsüchtige Anliegen reduzieren lässt.

Smiths wirtschaftliche und ethische Schriften zeugen von einem tiefen Verständnis für die Grenzen der Vernunft. Zentralistische Planung wird zwangsläufig scheitern, aber dasselbe gilt für algebraische Verhaltensmodelle. Man bedarf der subtilen Würdigung von Besonderheiten, der Art von Sensibilität, die ein halbes Jahrhundert nach Smiths moralischer Abhandlung von Jane Austen und ihren Nachfolgern dramatisiert wurde. Als großer Psychologe wusste Smith, dass wir sowohl finanzielles Verständnis als auch Sensibilität brauchen.

Ökometrische Methoden und mathematische Modelle lehren uns viel, doch sie haben ihre Grenzen. Was das menschliche Leben angeht, das nun einmal von Zufällen und Narrativität gekennzeichnet ist, sind Geschichten ein unverzichtbarer Pfad zur Erkenntnis. Dies ist der Grund, warum quantitative Stringenz, politische Ausrichtung und wirtschaftliche Logik durch die Empathie, das Urteilsvermögen und die Weisheit ergänzt werden müssen, die die Geisteswissenschaften in ihren besten Momenten kennzeichnen. Die Ökonomen müssen mit anderen Disziplinen reden – und diese auch zu Worte kommen lassen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan