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Das Zeitalter der Verletzlichkeit

NEW YORK – Wieder einmal zeigen zwei aktuelle Studien die Größenordnung des Ungleichheitsproblems, unter dem die USA leiden. Die erste, der jährliche Einkommens- und Armutsbericht des US Census Bureau, zeigt, dass die Einkommen der amerikanischen Normalbürger trotz der angeblichen Erholung der Wirtschaft von der Großen Rezession weiter stagnieren. Inflationsbereinigt verharrt das mittlere Haushaltseinkommen unter seinem Stand von vor 25 Jahren.

Es gab einmal eine Zeit, in der nicht die militärische Macht Amerikas größte Stärke war, sondern ein Wirtschaftssystem, um das es die ganze Welt beneidete. Warum jedoch sollten andere Länder ein Wirtschaftssystem nachahmen, in dem die Einkommen eines großen Teils – tatsächlich sogar einer Mehrheit – der Bevölkerung stagnieren, während die Einkommen an der Spitze in die Höhe schießen?

Eine zweite Studie, der Human Development Report 2014 des UN-Entwicklungsprogramms (UNPD), bestätigt diese Ergebnisse. Das UNDP veröffentlicht alljährlich eine Rangliste der Länder auf der Basis ihres Human Development Index (HDI), die außer dem Einkommen noch andere Dimensionen dafür einbezieht, wie gut es den Menschen geht, darunter Bildung und Gesundheit.

Laut HDI nehmen die USA den fünften Rang ein, nach Norwegen, Australien, der Schweiz und den Niederlanden. Bereinigt man diesen Wert jedoch um die Ungleichheit, fallen die USA 23 Plätze zurück; dies ist eine der größten derartigen Rückstufungen unter den hoch entwickelten Ländern. Tatsächlich liegen sie dann noch hinter Griechenland und der Slowakei – Ländern, die man normalerweise nicht als Vorbilder oder Konkurrenten der USA an der Spitze irgendwelcher Ranglisten betrachtet.