income inequality us Andrew Lichtenstein/Corbis via Getty Images

Von der Wirtschaftskrise zum Dritten Weltkrieg

PEKING – Die nächste Wirtschaftskrise ist näher, als Sie glauben. Worüber Sie sich jedoch wirklich Sorgen machen sollten, ist das, was darauf folgt: In der aktuellen gesellschaftlichen, politischen und technologischen Landschaft könnte eine sich hinziehende Wirtschaftskrise im Verbund mit steigender Einkommensungleichheit durchaus zu einem weltweiten militärischen Großkonflikt eskalieren.

Die globale Finanzkrise von 2008-2009 hätte beinahe zu Staatsbankrotten und einem Systemzusammenbruch geführt. Die politischen Entscheidungsträger schafften es, die Weltwirtschaft vom Abgrund zurückzureißen; sie setzten dazu enorme geldpolitische Konjunkturimpulse, darunter die quantitative Lockerung und in Nullnähe liegende (oder sogar negative) Zinssätze.

Doch geldpolitische Impulse sind so etwas wie eine Adrenalinspritze, um ein aussetzendes Herz wieder in Gang zu bringen; sie können den Patienten wiederbeleben, aber sie tun nichts, um seine Krankheit zu heilen. Die Behandlung einer kranken Volkswirtschaft erfordert Strukturreformen, die von Finanz- und Arbeitsmarktreformen bis hin zu den Steuersystemen, Geburtenmustern und zur Bildungspolitik reichen können.

Die Politiker haben es völlig versäumt, derartige Reformen zu verfolgen, obwohl sie es versprochen haben. Stattdessen geben sie sich politischen Machtspielen hin. Von Italien bis Deutschland scheint die Bildung und Aufrechterhaltung von Regierungen inzwischen mehr Zeit zu erfordern als das tatsächliche Regieren. Und Griechenland beispielsweise stützt sich auf das Geld internationaler Kreditgeber, um den Kopf (so gerade eben) über Wasser zu halten, statt echte Bemühungen zur Reform seines Rentensystems oder zur Verbesserung seines Geschäftsumfeldes zu unternehmen.

Der Mangel an Strukturreformen hatte zur Folge, dass der beispiellose Liquiditätsüberschuss, den die Notenbanken in ihren Volkswirtschaften geschaffen haben, nicht auf besonders effiziente Weise genutzt wurde. Stattdessen trieb er die weltweiten Vermögenspreise in Höhen, die noch über denen vor 2008 liegen.

In den USA sind die Häuserpreise laut der Immobilienwebsite Zillow inzwischen 8% höher als auf dem Höhepunkt der Immobilienblase 2006. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das misst, ob die Aktienkurse in einer vernünftigen Spanne liegen, ist inzwischen höher als 2008 und auch als zu Beginn der Großen Depression 1929.

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Wenn die Straffung der Geldpolitik die Schwächen in der Realwirtschaft aufzeigt, wird das Platzen der Vermögenspreisblasen eine neuerliche Wirtschaftskrise auslösen, die sogar noch schwerer ausfallen könnte als die letzte, weil wir inzwischen eine Toleranz gegen unsere stärksten makroökonomischen Medikamente entwickelt haben. Ein Jahrzehnt regelmäßiger Adrenalinspritzen in Gestalt ultraniedriger Zinsen und einer unkonventionellen Geldpolitik hat deren Fähigkeit zur Stabilisierung und Ankurbelung der Konjunktur stärk verringert.

Wenn die Geschichte hier ein Maßstab ist, dann könnten die Folgen dieses Fehlers weit über die Wirtschaft hinausreichen. Laut Benjamin Friedman von der Universität Harvard waren langgezogene Phasen wirtschaftlicher Not zugleich durch eine öffentliche Gleichgültigkeit gegenüber Minderheiten oder dem Ausland gekennzeichnet – Einstellungen, die Unruhen, Terrorismus oder sogar Krieg fördern können.

So unterzeichnete etwa während der Großen Depression US-Präsident Herbert Hoover das Smoot-Hawley-Zollgesetz von 1930, das darauf zielte, Amerikas Arbeiter und Landwirte vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. In den folgenden fünf Jahren ging der Welthandel um zwei Drittel zurück. Innerhalb eines Jahrzehnts hatte der Zweite Weltkrieg begonnen.

Natürlich wurde der Zweite Weltkrieg, genau wie der Erste Weltkrieg, durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht; es gibt keinen „Standardweg“ in den Krieg. Doch es gibt Grund zu der Annahme, dass ein hohes Maß an Ungleichheit eine erhebliche Rolle dabei spielen kann, Konflikte zu schüren.

Laut einer Untersuchung des Ökonomen Thomas Piketty folgt auf einen steilen Ausschlag der Ungleichheit häufig eine große Krise. Die Einkommensungleichheit nimmt dann für eine Weile ab, bevor sie auf einen neuen Höchstwert ansteigt und eine neue Katastrophe eintritt. Auch wenn angesichts der geringen Zahl an Datenpunkten damit noch keine Kausalität belegt ist, sollte man diese Korrelation, insbesondere angesichts historischer Höchststände bei der Vermögens- und Einkommensungleichheit, nicht auf die leichte Schulter nehmen.

All dies ist umso besorgniserregender angesichts der zahlreichen anderen Faktoren, die gesellschaftliche Unruhen und diplomatische Spannungen schüren, darunter der technologischen Destabilisierung, einer Rekorde brechenden Migrationskrise, der Angst vor der Globalisierung, der politischen Polarisierung und dem zunehmenden Nationalismus. Alle sind Symptome einer gescheiterten Politik, die sich als Auslöser einer künftigen Krise erweisen könnten.

Die Wähler haben gute Gründe, frustriert zu sein, doch die gefühlsmäßig attraktiven Populisten, denen sie zunehmend ihre Unterstützung schenken, bieten schlecht durchdachte Lösungen an, die die Lage nur noch verschlimmern werden. So wird trotz der nie dagewesenen Vernetzung der Welt der Multilateralismus zunehmend abgelehnt, und Länder – insbesondere Donald Trumps USA – verfolgen eine unilaterale, isolationistische Politik. Zugleich wüten in Syrien und im Jemen Stellvertreterkriege.

Vor diesem Hintergrund müssen wir die Möglichkeit ernstnehmen, dass die nächste Wirtschaftskrise zu einer militärischen Konfrontation großen Maßstabs führen könnte. Folgt man der Argumentation des Politikwissenschaftlers Samuel Huntington, könnte die Auseinandersetzung mit einem derartigen Szenario uns helfen, dieses zu vermeiden, weil sie uns zwingen würde, aktiv zu werden. In diesem Fall wird der Schlüssel sein, dass die Politiker jene Strukturreformen verfolgen, die sie schon so lange versprochen haben, und zugleich Schuldzuweisungen und Feindseligkeit durch einen vernünftigen und respektvollen globalen Dialog ersetzen. Die Alternative könnte ein globaler Flächenbrand sein.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/lje0Ctx/de;

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