DANIEL ROLAND/AFP/Getty Images

Die EZB muss von ihren Fesseln befreit werden

ZÜRICH – Dass die Europäische Zentralbank jetzt ankündigt, sie werde versuchen, bis Dezember ihre Anleihenkäufe zu beenden, bedeutet, dass sie ihrer Fähigkeit vertraut, Preisstabilität herzustellen. Aber diejenigen, die meinen, Preisstabilität solle das einzige, vorrangige Ziel der EZB sein, könnten ein Eigentor geschossen haben – nicht zuletzt dadurch, dass sie den Zentralbankern die dringend benötigte Flexibilität verweigern.

Die EZB definiert Preisstabilität als Inflation „mittelfristig unter, aber in der Nähe von 2%“. Dies liegt noch unter dem, was die Bundesbank in ihrer berühmten Vor-Euro-Geschichte erreicht hat, und ist ein strengerer Wert als der fast aller anderen Zentralbanken. Einige scheinen zu denken, zu viel des Guten sei eine wunderbare Sache.

In der Zeit zwischen der globalen Finanzkrise und dem Beginn der quantitativen Lockerung, als die Inflation deutlich unter 2% lag, war die EZB-Definition der Preisstabilität sicherlich kein Problem. Jene, die damals meinten, die Geldpolitik sei zu eng gewesen, hielten die EZB dafür berechtigt, ihr Möglichstes zu tun, um die Inflation in Richtung des Zielbereichs hochzutreiben.

Aber für die Anhänger der „stabilitätsorientierten Geldpolitik“ der EZB – ein Begriff, der nahelegt, alle anderen würden das Risiko geldpolitischer Instabilität vernachlässigen – wurde das Preisstabilitätsziel offensichtlich zu eng. Aus ihrer Sichtweise hätten die Anleihenkäufe nie stattfinden dürfen und auch die Zinsen – trotz der zu niedrigen Inflationsrate in der Eurozone – bereits viel früher steigen müssen.

Man sollte annehmen, dass die Vertreter dieser Ansicht auch starke Befürworter des strikten EZB-Preisstabilitätsziels waren. Wahrscheinlich glauben sie auch, niedrige Zinsen hätten Risiken für die Finanzstabilität zur Folge, die mit der Zeit immer größer würden. Dies stimmt wahrscheinlich. Aber diese Auffassung ignoriert die Tatsache, dass auch zu schnell steigende Zinsen finanziell destabilisierend wirken können. Auf jeden Fall ist das Argument irrelevant, da die Grundsätze der EZB jegliche Zinserhöhungen ausschließen, die mit der Preisstabilität in Konflikt geraten könnten.

Natürlich würden die Befürworter höherer Zinsen entgegnen, eine Inflation 1% oder gar weniger liege tatsächlich „nahe“ an 2%. In diesem Fall sei Preisstabilität erreicht und die Geldpolitik könne verschärft werden. Mit anderen Worten, sie teilen nicht die Auffassung, „nahe an 2%“ bedeute so etwas wie im Bereich zwischen 1,7-1,9%. Aber dieses Argument ist schädlich. Die Inflation unter das Niveau zu treiben, auf das sich die Schuldner zu Recht eingestellt haben, führt zu hohen Realzinssätzen – die wiederum das Risiko erhöhen, dass Kreditnehmer wie Hypothekenschuldner, Unternehmen und Regierungen insolvent werden.

Subscribe now

Exclusive explainers, thematic deep dives, interviews with world leaders, and our Year Ahead magazine. Choose an On Point experience that’s right for you.

Learn More

Das Inflationsziel zu unterschreiten ist auch deshalb gefährlich, weil sich die Inflationserwartungen und die Zinsen mit der Zeit verringern, was es wahrscheinlicher macht, dass die EZB beim nächsten Abschwung die Nullzinsgrenze erreicht. Außerdem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass neue Anleihenkäufe nötig werden.

Die Anhänger schärferer Maßnahmen würden außerdem argumentieren, dass niedrige Zinsen problematisch für Sparer, Versicherungskonzerne und Pensionsfonds sind, deren Portfolien oft wenig Aktien enthalten. Aber an keiner Stelle behauptet das Mandat der EZB, die Geldpolitik müsse auf die Interessen der Sparer oder der Finanzindustrie ausgerichtet werden.

Ursprünglich war das Preisstabilitätsziel der EZB dafür vorgesehen, die Eurozone vor einer Inflation im italienischen Stil zu schützen, aber praktisch gesehen hat es letztlich als Schutz gegen eine von Deutschland ausgehende Deflation gedient. Aber nur, weil die EZB durch ihr Mandat gezwungen war, manchmal das Richtige zu tun, bedeutet dies nicht, dass wir auch zukünftig so viel Glück haben werden.

Die weltweite Finanzkrise in den Industriestaaten zwang die Zentralbanken, mit einer Situation umzugehen, die sich die Verfasser ihrer Mandate sicherlich kaum vorstellen konnten. Gerade weil sich die Dinge oft nicht wie erwartet entwickeln, sollten die Ziele der Zentralbanken so verfasst sein, dass ihre Mitarbeiter bei extremen Ereignissen flexibel handeln können – also, anders ausgedrückt, die Regeln brechen dürfen. Andernfalls wären sie weniger effektiv, als sie sein könnten.

Da das Preisstabilitätsmandat der EZB im Vertrag über die Europäische Union festgelegt ist, kann es nicht geändert werden, ohne diesen Vertrag zu ändern. Aber die Phrase “unter, aber in der Nähe von 2%“ stammt von der EZB selbst, und kann daher problemlos angepasst werden.

In diesem Sinne sollte die EZB zwei Änderungen ins Auge fassen: Erstens sollte sie die Unklarheit loswerden, die in den Worten „nahe bei“ steckt, indem sie sie durch ein Punktziel ersetzt, das der Öffentlichkeit – und den Mitgliedern des EZB-Rats – Klarheit darüber verschafft, welche geldpolitischen Ziele tatsächlich verfolgt werden. Ob dieses Ziel nun bei 1,8% oder 2% liegt oder gar einen gewissen Spielraum erlaubt, ist dabei weniger wichtig.

Und zweitens sollte die EZB erklären, wie die Faktoren der finanziellen Stabilität und des unternehmerischen Umfelds in ihre Entscheidungen einfließen. Oft wurde argumentiert, die Verlängerung des Maßnahmenhorizonts durch eine genaue Definition des Begriffs „mittelfristig“ würde es den Entscheidern ermöglichen, vorübergehend andere Ziele zu verfolgen. Immerhin wird die Preisstabilität unter anderem auch dadurch sabotiert, dass Finanzkrisen und tiefe Rezessionen deflationär wirken.

Jetzt, wo die EZB die letzte Krise überstanden hat, ist ein guter Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, welche Lektionen sie gelernt hat – oder gelernt haben sollte. Dabei darf sie nicht zögern, sich für den nächsten Abschwung zu wappnen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

http://prosyn.org/G5AwAXo/de;

Cookies and Privacy

We use cookies to improve your experience on our website. To find out more, read our updated cookie policy and privacy policy.