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Vier Jahre Krise - die große Transformation der EU

BERLIN – Der altgriechische Philosoph Heraklit kam bereits vor über 2500 Jahren zu der Einsicht, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist. Er hätte mit gutem Grund hinzufügen können, dass es sich bei der Krise um deren Mutter handelt. Gott sei Dank ist heute der Krieg zwischen den Weltmächten wegen der gegenseitigen thermonuklearen Vernichtungsdrohung keine realistische Option mehr. Diese These  gilt allerdings nur für die oberste Etage, nicht jedoch für die Rand- und Bruchzonen der Weltpolitik.

Krisen aber, auch Weltkrisen, wie jene Weltfinanzkrise seit 2008, sind dadurch mitnichten Geschichte geworden. Und Krisen führen ebenfalls zu fundamentalen Erschütterungen des Status quo, ohne allerdings über die destruktive Kraft des Krieges zu verfügen. Die Krise ist immer auch Chance, Chance für Veränderungen, die in normalen Zeiten kaum möglich sind.

Der Zwang zur Überwindung der Krise erfordert Dinge zu tun, die vorher kaum denkbar, geschweige denn machbar gewesen wären. Exakt so ergeht es der EU seit nunmehr drei Jahren, seitdem die globale Finanzkrise nicht nur Europa in seinen Grundfesten erschüttert und nur in Europa eine existenzbedrohende Dimension angenommen hat.

Blickt man auf den Beginn des Jahres 2009 zurück, so haben wir es im Vergleich zu damals mit einer wesentlich anderen EU zu tun: Die EU ist zerfallen in eine Vorhut von Mitgliedstaaten, welche die Euro-Gruppe bilden und eine Nachhut, bestehend aus den Mitgliedsstaaten außerhalb der Euro-Gruppe. Dahinter steckt keine böse Absicht, sondern allein der Druck der Krise. Denn die Euro-Gruppe muss handeln, soll der Euro überleben, und die anderen stehen dabei mehr oder weniger engagiert außen vor.